Während meiner Reise durch Laos in den ersten beiden März-Wochen bin ich auf eine Geschichte gestoßen, die mich beschäftigt hat und über die ich heute bloggen möchte:

Es geht um die Organic Farm in Vang Vieng, die 1996 ins Leben gerufen wurde und auf der Bio-Gemüse, –Früchte und vor allen Dingen Maulbeerbäume in Bio-Qualität wachsen. Thanongsi ist Inhaber der Farm. Ein rüstiger 65-jähriger Laote, humorvoll, clever – die Gespräche mit ihm machen Spaß und geben tiefe Einblicke in die Besonderheiten des organischen Landbaus vor Ort, während er uns die Felder, Beete, die Ziegen- und Schweineställe und das von ihm konstruierte Kühl- und Lagerhaus zeigt.

Und dann erzählt Thanongsi diese Geschichte, die mich stutzig werden lässt. Große Flächen der Farm werden für den Anbau von Maulbeerbäumen genutzt. In der Vergangenheit war es so, dass die Blätter weitestgehend als Futter für die Seidenraupenzucht gedient haben: Bio im Anbau der Maulbeerbäume, Bio in der Haltung der Seidenraupen – das kenne ich auch von unserem Organic Silk-Projekt aus China.

Die Zucht lief gut, die Seide war von hervorragender Qualität und wurde von kleinen Betrieben in der Umgebung zu Textilien verarbeitet – bis zu dem Zeitpunkt, als direkt gegenüber von Thanongsis Farm mehrere Bars am Fluß aufgemacht haben, um tagsüber trinkfreudige Touristen zum so genannten „Tubing“ anzulocken und zu unterhalten – und das nicht nur mit Getränken, sondern auch mit wummernder Musik, die seitdem direkt auf die Organic Farm schallt.

Beim „Tubing“ lässt man sich in einem aufblasenen Traktorreifen den Fluss runtertreiben und hält bei diversen Bars zum „Auftanken“ an. Ironie dabei: Das „Tubing“ hat Thanongsi vor einigen Jahren erfunden, um seinen Praktikanten etwas Abwechslung nach getaner Arbeit zu bieten – damals natürlich ohne Musik und kommerziellen Hintergedanken. Der wurde erst von den Barbetreibern und Vermietern der Tubingreifen aufgegriffen. Zu allem Übel kommt, dass der Tuk Tuk-Verkehr und damit die Lärm- und Abgasbelastung auf der Farm stark zugenommen haben, denn irgendwie müssen die Touristen ja zum Fluß kommen.

Die Konsequenz: Die Seidenraupen haben nur noch unregelmäßig gefuttert, konnten sich nicht mehr richtig verpuppen, ihre Kokons haben weniger und vor allen Dingen nur noch minderwertige Seide geliefert, so dass Thanongsi schweren Herzens die Seidenproduktion einstellen musste. Die Blätter der Maulbeerbäume werden heute zu Tee verarbeitet. Ein weiterer bitterer Nebengeschmack der Bars: Die Gästehäuser, inmitten der Maulbeerbaum-Plantage gelegen, stehen leer. Wer will schon seinen Urlaub mit lauter Musikbeschallung verbringen?

Seidenraupen unter Stress, Auswirkungen auf Menge, Qualität und letzten Endes die Produktion – das war mir doch irgendwie neu. Zurück in Deutschland habe ich mit meiner Kollegin Birka Schenk aus dem Bereich Innovation & Ökologie gesprochen, die mir das in der Tat bestätigt hat. „Seidenraupen sind extrem sensibel und nicht stress-resistent“. Sie reagieren auf Verkehrslärm, Gerüche und Geräusche. „Auch die Schwingungen von tiefen Basstönen kann Stress verursachen“, so Birka weiter. Stimmen die Umweltbedingungen nicht mehr, wie auf der Organic Farm in Vang Vieng, geraten die Tiere unter Stress und produzieren deutlich weniger und fehlerhafte Seide. Die Seidenraupen unseres Organic Silk-Projektes in China dagegen leben übrigens fernab von Verkehrslärm auf dem Land, haben somit ideale Bedingungen für die Seidenproduktion.

Die Organic Farm in Vang Vieng, so mein Eindruck, ist ein echtes Vorzeigeprojekt. Von Schulungen in Sachen Bio-Anbau profitieren auch die Bauern der Region, und bis zum Start der Fluß-Bars war das Geschäft mit der lokalen Bio-Seide auch erfolgreich. Schade, dass es durch den Eingriff einzelner in die bis dato ruhige und natürliche Landschaft mit der Bio-Seide nun vorbei ist.