In einem Sweatshop im Slum von Dharavi in der indischen Metropole Mumbai.

Kleider machen Leute

Während meiner Kindheit Anfang der achtziger Jahre berichteten die Nachrichten am laufenden Band darüber: Dieser oder jener Hersteller hatte die Fertigung  in ein Billiglohnland verlagert:  Telefunken ließ in Taiwan produzieren, Adidas in Südkorea und Taiwan, die damalige Firma Quelle in Südasien. Die heimische Industrie schielte neidisch auf die Pfennigbeträge, die die Arbeiter dort bekamen, und die Gewerkschaften tobten.

Doch was heißt es, in einem Billiglohnland zu arbeiten, ausgebeutet und ohne Perspektive? Davon machen wir uns nach wie vor kaum ein Bild. Es gibt auch nicht wirklich eins, „Armut hat kein Gesicht“ ist ein treffendes Sprichwort. 1973 führte der damalige Präsident der Weltbank Robert Strange McNamara die Definition der absoluten Armut ein. Laut der Deutschen Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit ist arm ist, wer Hunger hat, wer keinen Zugang zu Bildung und Gesundheitseinrichtungen besitzt, wer kein Zuhause hat und keine Stimme in der Gesellschaft. Und wer keine Stimme in der Gesellschaft hat, dem hört auch keiner zu.

Mitten in der indischen Metropole Bombay, auf einem der teuersten Flecken der Erde, liegt der größte Slum Asiens, Dharavi. Seit dem großen Erfolg des Films „Slumdog Millionär“ gibt es Führungen durch den Slum. Vorigen Oktober bin ich bei einer der Führungen dabei gewesen. Was man so fühlt, wenn man so einen Ort besichtigt, ist sehr ambivalent. Denn natürlich leben dort einfach Menschen, nichts dabei. Aber auf der anderen Seite ist es geschätzt eine Million Menschen, eingepfercht auf zwei Quadratkilometern.

Ein Blick auf die Dächer des Slums Dharavi im indischen Mumbai.

In den Sweatshops des Slums, wie man die fensterlosen Werkstätten nennt, in denen brütende Hitze, Gestank und Lärm herrschen, wird Kunststoff recycelt, Leder gefärbt, werden alte Speiseöl-Dosen gewaschen, und Textilien verarbeitet. Kleine, spindeldürre Menschen reinigen mit bloßen Händen die öligen Blechkanister in kochend heißem Wasser. In den Lederwerkstätten besprühen Männer und kleine Jungs Leder mit Farben ohne jeden Atemschutz und selbstverständlich ohne Abzugsvorrichtungen. Endabnehmer des Leders, das in Dharavi verarbeitet wird, sind übrigens nach Aussage unseres Führers Ganesh auch Luxusmarken wie Versace oder Armani in Europa.

Die Wasserversorgung ist unzureichend, ganz zu schweigen von den sanitären Einrichtungen. Tausende müssen sich die wenigen öffentlichen Toiletten teilen, die am Rande einer Müllkippe errichtet sind, auf der die Kinder spielen. Die meisten von ihnen leiden regelmäßig an schweren Durchfällen und anderen Krankheiten, die auf die mangelhafte Hygiene zurückzuführen sind. Irgendeine Flüssigkeit spritzt mir auf der Tour auf meinen Fußrücken, die Stelle wir rot und brennt den ganzen Tag. Dharavi ist für unsere Vorstellungen die Hölle.

„Made in Hell“, hergestellt in der Hölle, heißt auch ein Slogan der Clean Clothes Campaign (CCC), der Kampagne für Saubere Kleidung, die 1990 in den Niederlanden entstand und sich für eine sozial „saubere“ Produktion von Kleidung engagiert. Auch die Christliche Initiative Romero, die kürzlich die Studie „Grüne Modefirmen unter der Lupe“ zu sozialer und ökologischer Nachhaltigkeit veröffentlicht hat, ist in dieser Bewegung aktiv. Die CCC verfolgt das Ziel, weltweit die Arbeitsbedingungen in der Bekleidungsindustrie zu verbessern und die Rechte der Arbeiter darin zu stärken.

Das Plakat "Made in Hell" der Clean Clothes Campaign.

Doch was haben faire Arbeitsbedingungen und Rechte von Arbeitern am anderen Ende der Welt mit uns zu tun? Warum sind Sozialstandards Teil der Forderung nach Nachhaltigkeit?

Wenden wir den Blick zunächst in eine andere Richtung: Die Regierungen der Euro-Zone treiben derzeit fieberhaft die finanzielle Rettung Griechenlands voran, allen Unkenrufen zum Trotz. Denn es gibt auch Stimmen, die fordern, die Euroländer sollten Griechenland fallen lassen. Doch Bundeskanzlerin Angela Merkel und der französische Präsident Nicolas Sarkozy haben erkannt, dass das nicht geht: Wenn Griechenland fällt, so ihre Angst, könnten bald Italien, Spanien, Portugal und Irland in die Bredouille kommen. Versäumen es die Eurostaaten, sich zu solidarisieren, könnten die Akteure auf dem internationalen Finanzmarkt wie Leichenfledderer über die restlichen Euroländer herfallen. Der Euro würde, so die Vermutung, rasch fallen.

Ein bisschen ist das auch so mit der internationalen Textilindustrie. Menschen sind von der Wiege bis zur Bahre rund um die Uhr mit Textilien in direktem Kontakt: Bekleidung, Bettwäsche, Handtücher, Polsterbezüge – denken Sie darüber nach, wann Ihre Haut mal nicht mit Textilien in Berührung kommt! Die Textilindustrie hat Auswirkungen auf die Umwelt, die Menschen, die in ihr arbeiten und auf uns, die sie tragen.

Rolf Heimann, Leiter des Bereiches Inovation & Ökologie bei hessnatur, beim Biobaumwoll-Projekt in Burkina Faso.

Wenn wir zulassen, dass Menschen in der globalisierten Welt zu schlechten Bedingungen arbeiten, ohne adäquaten Lebensstandard und Bildung, gefährden wir auf Dauer auch unseren Lebensstandard und unsere Bildungschancen. Und wir gefährden den Lebensraum, den wir zum Überleben brauchen. Der Klimawandel und die internationale Wirtschaftskrise von 2008 haben es uns gezeigt: Wir sitzen alle in einem Boot.

Aus dieser Erkenntnis heraus und aus der, dass aller Wandel von den Menschen ausgehen muss (siehe Ausführungen zur Agenda 21 und den Rio-Beschlüssen in Teil 2 dieser Serie), ist auch ein neues Zeitalter im Bewusstsein nachhaltigen Engagements in der Textilindustrie angebrochen.  Stand am Anfang der Eco-Fashion-Bewegung die Reinheit biologisch angebauter und verarbeiteter Textilfasern im Vordergrund, geht der Trend seit rund zehn Jahren immer stärker zum Einfordern guter Sozialstandards in der Textilindustrie. Ohne die ökologischen Richtlinien aufzugeben, versteht sich.

Der Druck, den Initiativen wie die Christliche Initiative Romero und die Clean Clothes Campaign in den vergangenen 20 Jahren aufgebaut haben, zeitigen allmählich ihre Wirkung. Mittlerweile bemühen sich auch bekannte Riesen aus der Textilindustrie wie H&M oder C&A darum, die Arbeitsbedingungen in ihren Herstellerfirmen zu verbessern oder Kollektionen aus Bio-Baumwolle anzubieten. H&M ist seit 2010 sogar der weltweit größte Abnehmer für Bio-Baumwolle. Was für ein Fortschritt, wenn man bedenkt, dass Heinz Hess, der Gründer von hessnatur, 1991 das erste Anbauprojekt für Biobaumwolle überhaupt im ägyptischen Sekem aus eigener Tasche finanzieren musste, weil niemand sonst an die Zukunftsfähigkeit des Unterfangens glauben wollte.  Da hat sich mittlerweile viel getan, aber längst noch nicht genug.