Ihre Zukunft ist unsere Zukunft: Dorfkinder in Malawi.

172 Regierungen tun das Richtige

Unlängst flatterte der Umweltwirtschaftsbericht 2011 hier ins Büro. Darin erklärt Bundesumweltminister Norbert Röttgen: „Deutschland wächst immer nachhaltiger“. Als Indizien dafür sieht er, dass zwischen 1990 und 2010 die Energieproduktivität um 38,6 Prozent gestiegen sei, die Rohstoffproduktivität sogar um 46,8 Prozent. Die Luftschadstoff-Emissionen seien im gleichen Zeitraum um 56,4 Prozent verringert worden. Auch beim Müll-Recycling sei Deutschland führend. Doch Nachhaltigkeit beschränkt sich bei weitem nicht auf Umweltschutz und Umweltbilanzen. Nachhaltigkeit vereint das Dreieck von Ökologie, Ökonomie und Sozialem.

Deshalb braucht Umweltminister Röttgen sich auch überhaupt nicht auf die Schulter zu klopfen, denn dem Umweltwirtschaftsbericht gegenüber steht der Armutsbericht 2011 des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes. Dieser  besagt, dass jeder siebte Bundesbürger heute von Armut bedroht ist. Und was noch beunruhigender ist: Die Armutsentwicklung hat sich seit dem Jahr 2006 weitgehend von der wirtschaftlichen Konjunktur abgekoppelt. Das heißt, selbst wenn die deutsche Wirtschaft wächst, sinken die Armutsquoten nicht. „Der alte Satz, nachdem die beste Sozialpolitik eine erfolgreiche Wirtschaftspolitik ist, stimmt nicht mehr. Die Krankheit Armut ist resistent geworden gegen die Medizin Wachstum“, zitiert die Frankfurter Rundschau den Verbandsgeschäftsführer Ulrich Schneider. Wie kann der Bundesumweltminister da behaupten, Deutschland wachse nachhaltig? Und warum ist ihm das überhaupt wichtig?

Der Weltgipfel der Vereinten Nationen in Rio im Jahr 1992

Die Agenda 21

Die Antwort ist in der Agenda 21 enthalten, einem Leitpapier zur nachhaltigen Entwicklung im 21. Jahrhundert, das 172 Staaten, darunter auch die Bundesrepublik Deutschland, im Jahr 1992 auf der Konferenz für Umwelt und Entwicklung der Vereinten Nationen (UNCED) in Rio de Janeiro beschlossen. Die Agenda wird in diesem Jahr 20 Jahre alt. Sie eröffnet mit den Worten:

 „Die Menschheit steht an einem entscheidenden Punkt ihrer Geschichte. Wir erleben eine Festschreibung der Ungleichheiten zwischen und innerhalb von Nationen, eine Verschlimmerung von Armut, Hunger, Krankheit und Analphabetentum sowie die fortgesetzte Zerstörung der Ökosysteme, von denen unser Wohlergehen abhängt. Eine Integration von Umwelt- und Entwicklungsbelangen und die verstärkte Hinwendung auf diese wird indessen eine Deckung der Grundbedürfnisse, höhere Lebensstandards für alle, besser geschützte und bewirtschaftete Ökosysteme und eine sicherere Zukunft in größerem Wohlstand zur Folge haben. Keine Nation vermag dies allein zu erreichen, während es uns gemeinsam gelingen kann: in einer globalen Partnerschaft im Dienste der nachhaltigen Entwicklung.“

Die Konferenz von Rio war einen Meilenstein in der Geschichte der internationalen Umwelt- und Entwicklungspolitik. Neben den Vertretern von 172 Staaten, darunter 130 Staatsoberhäupter, kamen 2400 Mitglieder von Nicht-Regierungsorganisationen sowie weitere 17.000 Delegierte zusammen, um zu beraten. Am Ende beschlossen sie neben der Agenda 21 die so genannte Rio-Erklärung über Umwelt und Entwicklung, die Klimarahmen-Konvention, die zum Kyoto-Protokoll führte, die Wald-Deklaration, die Artenschutz-Konvention und die Konvention zur Bekämpfung der Wüstenbildung.

Verleihung des Friedenspreises des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels 1973 an den Club of Rome in der Paulskirche Frankfurt. V.l.n.r: Dr. Ernst Klett, Dr. Aurelio Peccei, Prof. Dr. Eduard Pestel (beide Mitglieder im „Club of Rome“)

 An dieser Stelle sei nochmal kurz die Geschichte erzählt, wie es überhaupt zum Weltgipfel von Rio kam. Im Jahr 1970 beauftragten der Think Tank namens Club of Rome und die Volkswagen Stiftung den 28-jährigen Forscher Dennis Meadows, seine Frau Donella H. Meadows und die Wissenschaftler Jørgen Randers und William W. Behrens III damit, die Weltentwicklung für die kommenden Jahrzehnte zu simulieren. Zwei Jahre später präsentierten  die jungen Wissenschaftler das Buch „Grenzen des Wachstums“. Darin untersuchten sie die Wechselwirkungen zwischen Bevölkerungsdichte, Nahrungsmittelressourcen, Energie, Material und Kapital, Umweltzerstörung und Landnutzung. Er hatte verschiedene Szenarien in der Weltentwicklung ausgearbeitet, die immer wieder ähnliche Ergebnisse hervorbrachten:  ein katastrophaler Rückgang der Weltbevölkerung und Abfall des Lebensstandards innerhalb von 50 bis 100 Jahren, wenn die gegenwärtigen Trends anhielten.

Der Einfluss des Buches von Meadows war so groß, dass die Vereinten Nationen 1983 die Weltkommission für Umwelt und Entwicklung gründeten. Die Kommission sollte alternative Perspektiven erarbeiten. 1987 gab die Kommission die Ergebnisse ihrer Untersuchung unter dem Titel „Unsere gemeinsame Zukunft“ heraus, die auch als Brundtland Report bekannt sind. Dieser Abschlussbericht war so bedeutend für die internationale Debatte über Entwicklungs- und Umweltpolitik, weil er erstmals das Leitbild einer „nachhaltigen Entwicklung“ formulierte. Der Report war ein Hauptauslöser für die Umweltkonferenz in Rio de Janeiro im Jahr 1992.

Die Frage, die sich heute 20 Jahre nach dem Weltgipfel von Rio stellt, ist, ob die 172 Regierungen, das Richtige taten, nachdem sie die Agenda 21 unterschrieben hatten. Denn bis heute ist es weder gelungen, dem Treibhauseffekt beizukommen, die Klimakonferenz in Durban war ein Fiasko. Armut und Hunger haben weltweit nicht nennenswert abgenommen. Doch die Wirtschaft muss nicht auf die Politik warten: Welchen Beitrag beispielsweise die Textilindustrie zur nachhaltigen Entwicklung beitragen kann, lesen Sie in den nächsten Tagen in Teil 3 unserer Serie hier im Blog.