Was ist Nachhaltigkeit? 20 Jahre Agenda 21 – Teil 1

Früher war die Touristenhochburg Negril auf Jamaika ein kleines Fischernest.

Meine Heimat verschwindet

Was ist die Agenda 21? Was bedeutet der Begriff Nachhaltigkeit? Und vor allem was hat er mit mir oder mit Ihnen zu tun?

Ich fange mal einfach bei mir an. Ich bin aufgewachsen in einem kleinen Paradies. In meinen frühesten Kindheitserinnerungen werde ich in dem schokoladenbraunen Mini 1000 meiner Mutter über Straßen Jamaikas voller Schlaglöcher und Schotterpisten geschaukelt. Vorbei an verschlafenen Mangrovenwäldern, in denen die knorrigen Luftwurzeln hunderte Jahre alter Bäume im Brackwasser saugten. Kleine Tiere und Insekten erfüllten die Luft mit bizarren Geräuschen wie ein grandioses Orchester. Dann wieder gab es im Inneren des Landes nebelbehangene Berge. Ich erinnere mich an blühende Azaleenwälder im feuchten Dunst des Regenwaldes, und einen botanischen Garten auf dem Kamm des Gebirges, in dem im Nebel Rosen blühten, auf deren Blütenblättern die Wasserperlen blitzten.

Die Kehrseite war die Armut der Menschen. Kinder in zerschlissener Kleidung turnten durch die Straßen und bettelten, die Kriminalitätsrate war immens hoch. In der Schule lernten wir, dass eine gerechte Welt nicht selbstverständlich sei und dass es später mal auf unser Handeln mit ankäme. Das war auf der kleinen karibischen Insel Jamaika in den 1970er Jahren.

Dreißig Jahre später sind die Mangroven auf Jamaika so gut wie vollständig abgeholzt. Die Regierung hat ausländischen Konzernen erlaubt, die Wälder zu roden, um Strandhotels zu bauen. In der Folge hat sich ein Virus, der im Norden der Insel über das Meer die Kokosnussplantagen erreicht, rasant ausgebreitet. Die Palmen werden gelb und sterben ab. Die Menschen sind nicht mehr bitterarm, sie haben Jobs in der florierenden Hotelindustrie bekommen, doch das Schulsystem ist leider immer noch eines der schlechtesten in der Karibik.

Eine Kaffeefarm in Mavis Bank in den Blue Mountains von Jamaika.

Auch der geheimnisvolle Dunst in den Bergen, den berühmten Blue Mountains von Jamaika, ist so gut wie Geschichte. Große Teile des Regenwaldes sind Kaffeeplantagen gewichen. Blue Mountain Coffee aus Jamaika gehört zu den begehrtesten Kaffeespezialitäten der Welt. Doch die Plantagen bieten nicht nur Menschen Arbeitsplätze, sie machen auch Raum für einen Kaffee-Schädling, den Berry Borer. Seine natürlichen Feinde sind Vögel, die jedoch ausschließlich im Regenwald nisten. Hier beißt sich die Katze in den Schwanz, und ich muss sagen, meine Heimat, die Natur und Kultur, mit der ich aufgewachsen bin, verschwindet langsam, aber sicher.

Auf der Reise durch meine alte Heimat führte ich mit ganz vielen Menschen Gespräche. Viele stellten mir die Frage: „What do you believe stands first –  environment or development?“ Sie wollten wissen, ob ich der Idee des Umweltschutzes oder der Entwicklung der nationalen Ökonomie und des gesellschaftlichen Lebensstandards den Vorrang geben würde.

Die Antwort war kompliziert, es gab auch nicht nur eine einzige. Wir unterhielten uns stundenlang, tagelang. In Wahrheit waren wir in eine Diskussion über Nachhaltigkeit verwickelt, die Wirtschaft, Umwelt und Gesellschaft zu einem organischen Ganzen verbindet.

Eine Frage wäre nun, ob Sie liebe Leser, nicht auch solche Geschichten über Ihre Heimat kennen? Wir würden sie gerne hören. Schreiben Sie uns doch Ihre Erfahrungen und Erlebnisse hier im Blog!

Oberberghauptmann Hans Carl von Carlowitz (1645 - 1714)

Obwohl dieses Thema, der Widerspruch zwischen Naturerhalt und der Produktion menschlicher Zivilisation, hochaktuell ist, ist es keinesfalls neu. Oder sagen wir lieber, es war schon immer aktuell. Nehmen wir den Begriff der Nachhaltigkeit selbst: Eingeführt hat ihn ein Mann namens Hans Carl von Carlowitz im Jahr 1713. Bereits als junger Mann hatte der sächsische Adelige ganz Europa bereist und so erfahren, dass die Alte Welt und sogar die spanische Kolonie Peru unter einem drängenden Problem litt, nämlich an akutem Mangel des wichtigsten Rohstoffes, Holz. Überall hatte man Raubbau an den Baumvorräten getrieben: im Erzgebirge, beim Silberbergbau, in Frankreich baute Ludwig XIV. wie verrückt Schiffe für die Flotte seiner Marine. Der Ausbau von Bergbaustollen, der Erzabbau mittels Feuersetzen, vor allem aber die mit Holzkohle betriebenen Öfen der Schmelzhütten verschlangen ganze Wälder.

In seinem Buch „Sylvicultura oeconomica. Anweisung zur wilden Baum-Zucht“ legte nun von Carlowitz dar, wie man dem Raubbau am Rohstoff Holz beikommen könnte. Er gab Anweisungen, immer nur so viel Holz abzuschlagen wie nachwachsen könne, um der Entwaldung Einhalt zu gebieten. Es ging von Carlowitz aber auch darum, dass die Früchte der Wirtschaft allen Mitgliedern der Gesellschaft zugute kommen sollten. Das gemeine Volk hätte ein Recht auf Nahrung und Unterhalt, ebenso wie die nachfolgenden Generationen. Das sei durch den schonenden Umgang mit der Natur zu erreichen, die Fixierung auf kurzfristiges Gewinnstreben lehnte von Carlowitz ab.

Das Dreieck der Nachhaltigkeit – Ökonomie – Ökologie – Soziales – war geboren. Im Laufe des 19. Jahrhunderts gewann das deutsche Konzept von der nachhaltigen Forstwirtschaft weltweite Bedeutung. Der Begriff der Nachhaltigkeit trat seine Reise um den Globus an.

Erfahren Sie in Teil 2 unserer Serie, wie es 1992 zum Weltgipfel von Rio de Janeiro kam, und warum 172 Staaten sich in der Agenda 21 der nachhaltigen Entwicklung verpflichteten.

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Kommentare
  • Danijela ,

    Da fällt mir spontan eine Geschichte zu meiner Heimat Kroatien ein. Sie handelt von den wunderschönen Plitwitzer Seen im Velebit Gebirge. Es gibt eine Sage, wie diese entstanden sein sollen. Vor vielen Jahrhunderten regierte die Schwarze Königin, auch Vila Velebita (Die Fee des Velebit) genannt, diese Region. Die Menschen litten Hunger aufgrund großer Dürre in den Bergen und die Königin bat Gott um Hilfe für ihr leidendes Volk und betete und weinte wochenlang. Bei soviel Liebe zu ihrem Volk erbarmte sich Gott und verwandelte ihre Tränen in einen Fluß. Dieser Fluß brach durch das Gebirge und formte in Terrassen 16 Seen, die das umliegende Land fruchtbar machten und Mensch und Tier eine neue, fruchtbare Heimat gaben. Doch warnte Gott das Volk zugleich, dass er ihnen die Seen wieder wegnehmen würde, wenn sie sich nicht sorgsam um die Natur kümmerten und ihr immer mit Achtung begegneten. Und so lernten die Menschen die Natur zu achten und sie zu hegen und zu pflegen. Noch heute identifizieren sich die Menschen dort sehr mit dieser Geschichte und viele, wenn auch nicht alle, halten sich weiterhin an das Versprechen, das hier vor langer Zeit gegeben wurde. Dieser Einstellung ist es meiner Meinung nach auch zu verdanken, dass man bis heute weiterhin nur sehr wenige Hotelburgen in Kroatien sieht und der größte Teil der Unterkünfte immer noch Privatpensionen sind.
    Seit Kroatien unabhängig geworden ist, hat sich hier sehr viel Positives getan. Wurde noch in meiner Kindheit der Müll im nächsten Bach oder Wald abgeladen, gibt es heute Mülltrennung und Recycling. Die neu gewonnene Freiheit scheint den Menschen die Wichtigkeit ihrer Natur wieder bewußt gemacht zu haben und ich werde nie das Bild meines Großvater vergessen, als er 1991 anfing den Müll anderer Menschen am Strand aufzusammeln und in den ersten, neu aufgestellten Müllcontainer zu werfen mit den Worten „wir müssen unsere Heimat sauber halten und achten“.

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  • Doris Hammerschmidt ,

    Hier kann ich eine aktuelle Geschichte aus China beisteuern – die Imkerei, Bienenhaltung betreffend. Dort ist ursprünglich die chinesische Honigbiene heimisch, die null Probleme mit der Varroa-Milbe hat, Biene und Milbe leben in friedlicher Koexistenz. In den USA wie auch in Europa wiederum ist genau diese Varroa-Milbe der absolute Alptraum für Bienen und Imker. Eingeschleppt aus Asien macht sie unserer Bienenart den Garaus, die Imker kämpfen einen beinah sisyphusartigen Kampf gegen dieses Vieh. Was also machen die Chinesen? Hegen, pflegen, züchten, vermehren ihre resistente, heimische chinesische Honigbiene? Mitnichten! Seit mehr als 100 Jahren konzentrieren sie sich auf die italienische Biene und vermehren und züchten die, auch heute noch. Warum? Weil sie mehr Ertrag bringt, effektiver ist, mehr Gelée Royale produziert (das ist das Futter, das die Bienen nur für die Königin herstellen, deswegen selten, gesund – und teuer). Ergebnis: die Chinesen haben sich das Problem Varroa-Milbe „reimportiert“ und bekämpfen das jetzt – so die Aussage in einem Institut – mit einem Insektizid, das bei uns wegen chemischer Rückstände in Honig und Wachs verpönt bzw. gar nicht zugelassen ist. Auch in China haben wir gespürt: die wollen jetzt erst mal aufholen! Nachhaltigkeitsgedanken spielen da – nicht immer – eine Rolle.

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