Die Idee hält sich bis heute als eine der großen Hoffnungsträgerinnen in der Armutsbekämpfung, die Idee des Mikrokredites. Kleine Geldbeträge werden an eine Person oder eine kleine Gruppe von vorzugsweise Frauen verliehen, die das Kapital verwenden, um ein kleines Unternehmen aufzubauen: Durch den Kauf einer Nähmaschine, eines Spinnrades oder ähnlichem. Mit dem verdienten Geld zahlen die Frauen die Kreditraten, finanzieren sie die Ausbildung der Kinder und einen Teil sparen sie bei der Bank an, um spätere Anschaffungen aus eigener Kraft bezahlen zu können. Am besten gehört die Bank einer Genossenschaft, deren Mitglieder die Frauen sind. Im hessnatur-Blog wird es in mehreren Beiträgen um den Ansatz von Mikrokrediten und ihrer Entwicklung gehen – und darum , was sich aus der Krise der Mikrofinanzindustrie lernen lässt. Hier geht es zum ersten und zweiten Beitrags unseres Themas.

Ein neuer Wirtschaftsgedanke

Weltweit findet derweilen Yunus‚ Idee des Social Business mehr und mehr Anhänger. Allein in Deutschland kamen zur letzten Konferenz „Vision Summit“ für Sozialunternehmer 1200 Teilnehmer. Nicht immer geht es nur um Projekte in armen Ländern. Der Absolvent einer privaten Wirtschaftuni, Tim Breker, etwa hat nach dem Abschluss Kinder in einer Schule dazu verholfen, einen eigenen Kiosk zu eröffnen, um so Verantwortung übernehmen zu lernen und im Team zu funktionieren. Und Breker ist beileibe kein Einzelfall mehr.

Wer den Kreislauf einer Wirtschaft durchbrechen will, die aus Gewinnern und deshalb notwendigerweise auch aus Verlierern besteht, muss auf Fairness setzen. Ein Beispiel dafür kommt aus der Privatwirtschaft, das nicht dem Social Business zuzurechnen ist, aber dennoch seit mehr als 35 Jahren einen ganzheitlichen Ansatz vertritt: hessnatur setzt auf Kooperationen in Augenhöhe, gerade in klassischen Billiglohnländern. So lässt hessnatur von Grameen Knitwear in Bangladesch T-Shirts produzieren. Doch hessnatur verlässt sich dabei nicht allein auf die Arbeit der von Muhammad Yunus gegründeten Firma, sondern lässt die firmeneigenen Standards auch vor Ort kontrollieren.

Darüber hinaus hat hessnatur die Arbeiter von Grameen Knitwear in der Verarbeitung von Bio-Baumwolle geschult. Dieser Wissenstransfer hat ermöglicht, dass die Arbeiter heute auch für andere Firmen Bio-Baumwolle vernähen. Zusätzlich hat hessnatur aus den Verkaufserlösen der von Grameen produzierten T-Shirts ein Programm aufgelegt, das jungen Menschen in Bangladesch Stipendien für die Ausbildung auszahlt.

Der Gewinn aus den T-Shirts ist nicht nur ein monetärer. Die Umstellung auf die Verarbeitung von Bio-Baumwolle ist ein Beitrag zur Förderung umweltschonender Industrieproduktion. Die fairen Arbeitsbedingungen sind ein Schritt in Richtung Armutsbekämpfung. Die Reinvestition von Gewinnen in die Ausbildung von jungen Menschen im Produktionsland sind ein zweiter Schritt in Richtung nachhaltiger und wirksamer Eliminierung von Armut.

Der Begriff der Nachhaltigkeit bedeutet, dass Umweltbedürfnisse, soziale Fairness und Wirtschaftlichkeit gleichermaßen in Betracht gezogen werden. Dieser Ansatz ist zugleich ein ganzheitlicher. Gerät auch nur ein Aspekt aus dem Blick, verschiebt sich das Gefüge in Richtung Verarmung und Umweltzerstörung. Im Falle der Mikrofinanzindustrie ist die Wirtschaftlichkeit zu Ungunsten der sozialen Fairness in den Vordergrund getreten.

Zugleich ist Nachhaltigkeit auch immer eine Frage der Qualität. Wenn Renditen mit Mikrokrediten erwirtschaftet werden, dann ist die allererste Frage: Wie wurden sie erwirtschaftet? Die zweite muss heißen: Und wem nutzt das? Die dritte Frage ist: Wie lässt sich die Balance zwischen Wirtschaft, Umwelt und sozialer Fairness herstellen? Wie lässt sie sich dauerhaft gewährleisten? Im Zeitalter der Globalisierung ist Entwicklungspolitik in der Wirtschaftspolitik aufgegangen. Dass die Trennung aufgehoben ist, heißt jedoch nicht, dass die Ärmsten nun noch Ärmer werden müssen. Es heißt vielmehr, dass die globale Wirtschaft umdenken muss. Wir alle müssen umdenken, wir müssen sinnvoll teilen lernen.