Am Mittwoch präsentierten wir von hessnatur im Rahmen der Berlin Fashion Week Auszüge der Herbst/Winter-Kollektion für 2016/17. Mit der Installation „Boulevard of Green“ holten wir das Grün in die Großstadt und bewiesen, dass nachhaltig und fair produzierte Mode von hessnatur auf Augenhöhe mit großen Modemarken steht. Die Besucher konnten sich ein Bild davon machen, wie sich die Designsprache der Marke in Zukunft entwickeln wird: urban, lässig, sophisticated.

Doch welche Rolle wird Slow Fashion künftig im Allgemeinen spielen? Gibt es eine generelle gesellschaftliche Strömung hin zur Nachhaltigkeit und dem bewusstem Konsum von Kleidung? Oder schließen sich die Produktionsbedingungen nachhaltiger Textilien und die Gesetzmäßigkeiten der Mode nicht eher aus, da Mode per se sehr schnelllebig ist?

Wir nutzten die Aufmerksamkeit der Presse und luden zum Trend Talk ins Berliner Hotel de Rome. hessnatur Geschäftsführer Marc Sommer begrüßte Dr. Alfons Kaiser (FAZ) und Dr. Eike Wenzel (Institut für Trend- und Zukunftsforschung), die in offener Runde kritisch über die aktuellen Rahmenbedingungen nachhaltiger Mode debattierten.

Slow Fashion – Zukunft oder Utopie? Dieses Thema scheint einen Nerv zu treffen, denn die Veranstaltung war so gut besucht, dass viele Gäste die Diskussion bereitwillig im Stehen verfolgten.

„Der Sprung der Mode ins Nachhaltigkeitszeitalter ist keine zeitgeistige Stilgeste, sondern schlicht überfällig“, eröffnete Wenzel die Diskussion. „In einer Gesellschaft, die gerade eine atemberaubende technologische Revolution erlebt und in Richtung 100 Prozent erneuerbare Energien marschiert, sind Billigprodukte, die aus unethischer Arbeit stammen, nicht mehr vorzeigbar.“ Wenzel argumentierte, dass unter anderem im Lebensmittel-Markt dieser Trend schon länger zu beobachten sei. Die Konsumenten forderten, dass das, was sie essen, durchschaubar gemacht werde. Dass sie nachvollziehen können, woher das Essen komme und was darin stecke. Gleichzeitig wollen die Menschen heute aber auf nichts mehr verzichten. Das bedeute, man möchte zwar verantwortungsvoll, gleichzeitig aber mit Spaß und Vergnügen konsumieren.

Kaiser hielt dagegen: „Die Zunahme der Diabetes-Fälle zeigt, dass der große Trend weiter darin besteht, sich ungesund zu ernähren. Ich bin skeptisch, dass sich der Mensch grundsätzlich in seinem Konsumverhalten ändern wird. Vor allem in der Mode.“ Seit vielen Jahren streiten sich Soziologen: Vollzieht sich in der Gesellschaft ein Wertewandel oder eher ein Werteverfall?

Es folgte eine rege Debatte, an der sich neben Stimmen aus dem Publikum auch die ebenfalls anwesende Vorsitzende des Ausschusses für Recht und Verbraucherschutz, Renate Künast, beteiligte. Sie wies auf die lange Produktionskette in der Textilwirtschaft hin, in der es neben Gentechnik, Kinderarbeit und Abwasser viele weitere ethische Herausforderungen gibt, die kompliziert zu kontrollieren sind. „Mich stört es, dass alle von einem Trend reden“, so Künast, „es ist vielmehr eine gesellschaftliche Entwicklung, die sich hier vollzieht.“ Konsumentenpower sei das Stichwort: Was sich die Gesellschaft bereits durch die Anti-Atomkraft-Bewegung und aktuell im Lebensmittelbereich erkämpft habe, würde früher oder später auch den Textilmarkt erreichen. Das Internet sei dabei eine starke Waffe.

Kaiser legte nahe, dass die Digitalisierung zwar zur Transparenz in der Modebranche beitrage, das Internet durch seine Marketing-Methoden, den Preis-Kampf und die Live-Übertragung von Fashion Shows jedoch gleichzeitig den Textilkonsum pushe. Das zeige unter anderem die Vervierfachung der Produktionsmenge an Mode in den letzten 20 Jahren. Außerdem gebe es in der Mode stärker als in anderen Branchen das Bedürfnis nach Neuem.

Wenzel lies sich jedoch nicht von seiner optimistischen Haltung abbringen: „Ich bin davon überzeugt, dass die Digitalisierung in allen relevanten Märkten etwas verändern wird und dass es gleichzeitig eine starke Nachhaltigkeitsbewegung geben wird. Wir werden weiterhin Wachstum brauchen und Mode produzieren müssen, jedoch auf Basis von weniger Naturverbrauch.“ Als Schlüssel sieht er das Cradle-to-Cradle-Prinzip: Es muss so intelligent produziert werden, dass kein Müll mehr hergestellt wird. „Es sind schon zahlreiche Beispiele aus anderen Märkten vorhanden und ich bin optimistisch, dass auch unsere Kleidung in Zukunft mehrere Leben haben wird.“

Gegen Ende der Diskussion läutete eine Frage aus dem Publikum die Übereinkunft ein: „Wir sprechen hier von Mode. Der Großteil der in Deutschland verkauften Textilien ist aber Kleidung aus dem Discounter, die nicht modisch ist. Hier wird rein über den Preis verkauft. Wie kann sich das zugunsten nachhaltiger Textilien ändern?“. Die Antwort von Herrn Sommer folgte prompt: „Man darf nicht vergessen, dass von der Stückzahl her die meisten Bio-Textilien ebenfalls über Discounter verkauft werden. Das bedeutet, das Bewusstsein ist bereits in der Masse der Gesellschaft angekommen.“

Nun schien auch Kaiser überzeugt: „Es geht darum, den Blickwinkel der Öffentlichkeit zu verändern. Wir brauchen positive Geschichten, die davon berichten, dass es auch anders geht.“ Wenzel fügte hinzu: „Wir sprechen dann von einem sogenannten ‚ethikureischen‘ Konsumenten. Das setzt sich zusammen aus ethisch und epikureisch und bedeutet, dass der Konsument verantwortungsbewusst genießen möchte.“

Wie sich das Thema Slow Fashion gesellschaftlich entwickeln wird, bleibt also abzuwarten. Denn niemand von uns kann in die Zukunft blicken. Jedoch können wir sie alle aktiv gestalten. Und die Trend-Debatte hat uns ermutigt, dass wir bei hessnatur auf dem richtigen Weg sind. So freuen wir uns Ihnen auch weiterhin Mode zu präsentieren, in der unsere Haltung fühlbar und sichtbar wird.