hessnatur hat als erstes deutsches Unternehmen, das „Bündnis für Nachhaltige Textilien“ unterzeichnet. Auf Initiative von Bundesentwicklungsminister Dr. Gerd Müller haben sich Unternehmen, Verbände und Organisationen der Textilbranche verpflichtet, mehr Verantwortung für die sozialen und ökologischen Bedingungen in den Produktionsbetrieben zu übernehmen und ein verlässliches Textilsiegel zu erarbeiten. Doch wenn ich mir den Aktionsplan und die Umsetzungsstrategie des Bündnisses anschaue, stelle ich fest, dass hessnatur diese Maßnahmen längst ergriffen hat. Warum ist hessnatur dennoch dem Bündnis beigetreten?

Sven Bergmann, Referent Unternehmenskommunikation von hessnatur: Bundesentwicklungsminister Gerd Müller strebt mit dem Textilbündnis eine branchenweite Initiative für nachhaltige Mode an. Zunächst auf nationaler Ebene, dann aber auch mit Blick auf die europäischen Partner sollen verlässliche Standards für eine verantwortungsvolle Textilproduktion definiert werden, die Verbrauchern eine verlässliche Entscheidungsgrundlage bieten. Die ersten Gesprächsrunden des Textilbündnisses wurden von vielen kritischen Stimmen und Kommentaren begleitet. Angeblich sei die Zielsetzung des Textilbündnisses unrealistisch. Kein Anbieter könne Verantwortung für die komplette textile Wertschöpfungskette übernehmen. Das war für das Ministerium Anlass mit Unternehmen zu sprechen, die zeigen, dass es auch anders geht. Deshalb ist hessnatur gebeten worden, in dem Textilbündnis mitzuarbeiten und Erfahrungen und Know-how in die Gespräche einzubringen. Wir sehen in dem Textilbündnis eine Bestätigung unserer langjährigen Bemühungen um eine nachhaltige Textilproduktion in Verantwortung für die gesamte textile Wertschöpfungskette. Für uns ist entscheidend, dass erstmals soziale und ökologische Standards in einem Textilsiegel staatlich garantiert zusammengefasst werden. Dabei soll es ein verbindliches Mindestniveau geben sowie einen Höchststandard, damit sich ein Qualitätswettbewerb entwickeln kann. Denn auch uns ist klar, dass konventionell produzierende Anbieter das, was hessnatur in Jahrzehnten erreicht hat, nicht von heute auf morgen aufholen können. Das geht nur schrittweise.

Ähnliches gilt auch für die mehr als 50 weiteren Mitglieder. Das sind häufig Firmen, Verbände und Nichtregierungsorganisationen, die ohnehin schon auf Nachhaltigkeit und Fairness achten. Sollte das Bündnis nicht auf Betriebe abzielen, die bisher noch nach konventionellen Marktstrategien handeln?

Die positiven Beispiele können und sollen zeigen, wie es auch anderes geht. Organisationen wie die Gewerkschaften, die deutsche Fashion Revolution Initiative, die Global Labour University (Universität für globale Arbeit) und die Verbraucherinitiativen sind ganz wichtige Akteure, wenn es darum geht, neue Strategien für die gesamte Textilbranche in Deutschland zu erarbeiten. Die Bündelung aller Erfahrungen ist entscheidend. Je mehr Input das Bündnis von verschiedenen Seiten bekommt, desto umsichtiger werden die Strategien, die es erarbeiten kann. Diversität ist ein ganz wichtiges Stichwort für Nachhaltigkeit, denn die Textile Kette ist komplex, das muss auch das Textilbündnis widerspiegeln.

Wie kann das Textilbündnis auf dem deutschen Markt das Bewusstsein für Nachhaltigkeit verstärken?
Verbraucher sollen mit ihrer Kaufentscheidung einen Unterschied machen können. Dafür ist es unbedingt erforderlich, dass Transparenz und Verlässlichkeit beim Kleidungskauf gegeben sind. Ein staatlich garantiertes Siegel trägt zur Aufklärung über die sozialen und ökologischen Aspekte bei der Textilproduktion bei. Vor allem aber soll das Textilbündnis den Dschungel unterschiedlichster Siegel und Standards lichten. Verbraucher sollen auf einen Blick erkennen können, welche Unternehmen sich engagieren und welche Anbieter Verantwortung von sich weisen. Deshalb muss jeder Teilnehmer am Bündnis Mindestanforderungen erfüllen, auf die sich Kunden verlassen können. Außerdem definiert das Bündnis in einem Best Practice Standard vorbildlich verantwortungsvolles Handeln. Damit gibt die Initiative der Bundesregierung einen Impuls zu einem Qualitätswettbewerb und wirkt der Einigung auf den kleinsten gemeinsamen Nenner entgegen. Genau diesem Qualitätsniveau der höchsten sozialen und ökologischen Standards fühlen wir uns bei hessnatur besonders verpflichtet.

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Wie kommt es, dass ausgerechnet die Bundesregierung in Deutschland auf das Rana-Plaza-Unglück, das sich am 24. April zum zweiten Mal jährt, in Bangladesch reagiert hat? Wäre das nicht eher Sache der Privatwirtschaft gewesen?
Neben dem Textilbündnis gibt es ja auch das ACCORD Abkommen für Feuersicherheit und Gebäudeschutz, dem hessnatur als erstes deutsches Unternehmen beigetreten ist, obwohl hessnatur beim Einsturz von Rana Plaza keine Produktion in Bangladesch hatte. In der Bundesregierung hat vor allem Minister Dr. Gerd Müller die Verbesserung unhaltbarer Zustände in der weltweiten Textilproduktion zu einem Schwerpunkt seiner Amtszeit gemacht. Für ihn ist klar, dass der Weltmarkt Regeln braucht und dass das Leitbild für die Zukunft eher ein fairer als ein freier Handel sein muss.
Gerd Müller hat als Staatsekretär maßgeblich am Aufbau des EU-Biosiegels mitgewirkt. Für ihn sind die Themen Globalisierung, Arbeitsteilung oder komplexe Lieferketten nicht neu. Für den Erfolg des Textilbündnisses kann nur von Vorteil sein, dass Minister Müller über dieses Know-how zurückgreifen kann.

Und dann hat ja Deutschland auch den Vorsitz für den G7-Gipfel am 7. und 8. Juni bei Garmisch-Partenkirchen…
Ja, das ist ein sehr wichtiger Termin für das Textilbündnis, weil damit die Chancen steigen, die angestrebten Ziele auf der internationalen Ebene vorzustellen und durchzusetzen. Die Textile Kette ist ja nun einmal eine Wertschöpfungskette auf globaler Ebene.

Das hört sich gut an, aber es gibt ja auch einige große deutsche Textilunternehmen, die das Abkommen des Bündnisses in letzter Minute nicht unterzeichnen wollten. Das war eine herbe Enttäuschung, oder?
Viele Unternehmen hatten noch offene Fragen und waren sich über die Konsequenzen des Textilbündnisses unklar. Da geht es natürlich um juristische Aspekte und Fragen der Haftung, aber auch um ökonomische Einschätzungen. Diese Fragen müssen für einen breiten Beitritt der Industrie noch geklärt werden. Daran wird aber sehr konstruktiv gearbeitet.