Blühende Flachs-Felder zum ökologischer Anbau von Hessen-Leinen

Hessen-Leinen

So geht Tradition und Bio in Hessen

Wenn wir uns in Deutschland endlich über sommerliche Temperaturen freuen, freut sich der Hessen-Leinen-Bauer zusätzlich über die violette Farbenpracht auf seinen Feldern. Dieses natürliche Schauspiel wollten wir uns ebenfalls nicht entgehen lassen und so planten wir einen Besuch bei unserem Hessen-Leinen-Bauern in Lohra-Damm. Mit im Gepäck waren eure Fragen rund um unser Hessen-Leinen-Projekt sowie selbstverständlich auch unsere Kamera. Viel Freude beim Lesen!

 

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Mitten zwischen unzähligen Feldern und den Hügeln des Gladenbacher Berglandes liegt der Biolandhof „Caspersch“. Die wunderschönen alten Fachwerkhäuser mit Rosenranken und die freundlichen Gesichter der Familie Plitt heißen uns willkommen. Die Familie bewirtschaftet den Hof bereits seit 1992 nach BIOLAND-Richtlinien. 2006 starteten wir mit Peter Plitt und weiteren Bauern unser Hessen-Leinen-Projekt. Mittlerweile unterstützt er seinen Sohn Johannes bei der Leitung des Hofes und seine Frau Ulrike führt den dazugehörigen Hofladen – ein richtiger Familienbetrieb.

Unser Bio-Bauer Johannes.

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Das ist Johannes, 30 Jahre, Betriebsleiter des „Caspersch“ Hof. Er ist auf dem Hof seiner Eltern groß geworden und hat nach seinem Studium der Ökologischen Agrarwissenschaft die Leitung des Hofes übernommen.

Für Johannes stand schon immer fest: Der ökologische Landbau ist die Landwirtschaft der Zukunft. Nur so kann langfristig unsere Umwelt weiter existieren und auch zukünftig eine Chance für weitere Generationen haben. Sein größtes Anliegen und das seines Vaters ist es, den Nährstoffkreislauf auf dem Biohof zu schließen. Um das zu erreichen, hat er versucht einen geschlossenen Betriebsorganismus zu schaffen: Von der Mutterkuhherde bis zum Anbau von Getreide, Flachs sowie Obst- und Gemüse für den hofeigenen Laden.

Hofeigener Bio-Laden.

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Apropos Hof-Laden: Den können wir euch sehr empfehlen. Denn dort verkauft Familie Plitt das selbst angebaute Obst und Gemüse sowie Milchprodukte, Käse und Backwaren von kontrolliert biologischen Betrieben aus der Region. Darüber hinaus wird man schnell in dem gut sortierten Laden fündig, egal ob man noch Nudeln, Brotaufstriche, Fruchtsäfte oder Weine für seinen Wocheneinkauf benötigt.

Zum Verweilen lädt der hofeigene Bistrobereich ein, in dem man ganz wunderbar mit einem Stück Kuchen und Kaffee das Hoftreiben beobachten kann. Vor allem im Sommer ist das ein absoluter Geheimtipp, genauso wie das nahegelegene Erdbeerfeld, wo Familie Plitt verschiedene Sorten Erdbeeren anbaut, die man selbst ernten und direkt vernaschen kann. Für alle die den Hof selbst einmal besuchen möchten, haben wir die Öffnungszeiten und die Adresse am Ende des Beitrags notiert.

Rauf auf's Flachs-Feld.

Nach dem herzlichen Empfang der Familie Plitt ging es mit dem Transporter rauf zum Flachs-Feld. Nach wenigen Kilometern tat sich vor uns plötzlich ein violettes Blütenmeer auf. Die Blüten auf den Flachs-Feldern blühen nur circa acht bis vierzehn Tage im Jahr, bevor sie Anfang Juli geerntet werden. Daher waren wir sehr froh dieses Ereignis für euch festhalten zu können.

Eure Fragen an unseren Hessen-Leinen-Bauer Johannes.

Zurück auf dem Hof, haben wir uns Johannes geschnappt und ihm eure Fragen gestellt. Alle seine Antworten findet ihr hier.

  • Seit wann baust Du Flachs für unsere Hessen-Leinen-Lieblingsstücke an?

    Ich habe im vergangenen Jahr den Hof von meinem Vater übernommen, der schon seit vielen Jahren Partner für das Hessen-Leinen war. Auf unserem Hof war das immer eine Herzensangelegenheit. Es ist traurig, dass die alte europäische Kulturpflanze kaum noch angebaut wird. Gerade das motiviert uns, Flachs für die Textilproduktion zu gewinnen und das Wissen über den Anbau zu erhalten.

  • Wie bist du dazu gekommen Flachs anzubauen?

    Das hat sich bei den Höfen, die in der Region nach Demeter und Bioland Standards arbeiten, herumgesprochen. Wir haben den Anbau ausprobiert und sind jetzt seit mehr als zehn Jahre Partner von hessnatur.

  • Werden auch die Leinsamen geerntet? Ich habe mal gelesen, dass es da verschiedene Sorten gibt für Faserlein und Öllein – aber auch bei Faserlein kann man doch noch ein paar Samen ernten, oder?

    Wir ernten auch die Leinsamen, aber wir verarbeiten diese nicht weiter. Denn durch den Prozess der Tauernte hat der Samen nicht mehr die Qualität, um als Nahrungsmittel oder zu Öllein weiterverarbeitet zu werden.

  • Wird der Flachs in Hessen in Fruchtfolge angebaut? Wenn ja, wie sieht die konkret aus?

    Als Biolandhof sind wir verpflichtet, unsere Produkte im Fruchtwechsel anzubauen. Das gilt für den Flachs genauso wie für Erdbeeren, Gemüse oder das Getreide. Die Besonderheit beim Flachs ist zudem die benötigte Anbaupause von 7 Jahren, bedingt durch die hohe Selbstunverträglichkeit. Deshalb müssen wir immer wieder schauen, welches Produkt mit welcher Fläche harmoniert. Zudem ist der Flachs eine Sommerrung, wie beispielsweise Braugerste, Kartoffeln oder Sommerweizen. Diese werden im Frühjahr ausgesät und im Sommer geerntet. Deswegen steht vor der Sommerrung oft eine Zwischenfrucht. Diese wird im Herbst gesät und dient im Winter als Begrünung, bevor sie im Frühjahr eingearbeitet wird und somit der Folgekultur als Nährstofflieferant zur Verfügung steht.

  • Was sind die Bedingungen (Klima, Bodenbeschaffenheit, etc.), damit der Anbau von Pflanzen für die Gewinnung von Leinenfasern gelingen kann?

    Flachs kann fast überall angebaut werden, weil die Pflanze, ähnlich wie Hanf sehr selbstgenügsam ist. Es darf nicht zu viel regnen, da der Flachs keine Staunässe mag, aber ohne Niederschlag kommt er natürlich auch nicht aus. Alles entscheidend sind die klimatischen Bedingungen: möglichst kein Frost rund um die Aussaat im März, regelmäßige Niederschläge, vor allem im Mai und eher windiges Wetter lassen den Flachs gedeihen. Leider ist es schon vorgekommen, dass wir Missernten hatten, da die Bedingungen nicht optimal waren.

  • Wie lange dauert der ganze Prozess von der Saat bis zur Ernte und Weiterverarbeitung?

    Unsere Arbeit endet nach der Ernte, nachdem der Flachs aus dem Boden gerauft worden ist und die „Röste“ abgeschlossen ist. „Röste“ bedeutet, dass die Flachsstängel auf dem Feld in Reihe abgelegt werden und sich in einem ersten Schritt bakteriell zersetzen. Die Fasern lösen sich von den holzhaltigen Bestandteilen der Stängel. Anschließend werden die Rohfasern in Ballen zur Weiterverarbeitung abtransportiert. Von der Aussaat bis zum fertigen Leinenhemd vergehen rund eineinhalb Jahre.

hessnatur-hessenleinen-weiterverarbeitung Der Prozess der Tauröstung
  • Wie aufwändig ist der Anbau von Leinen? Kannst du uns die einzelnen Schritte näher erklären – von der Aussaat bis zur Ernte und Weiterverarbeitung.

    Grundsätzlich ist der Anbau von Leinen nicht aufwendig. Zeitintensiv ist vor allem das Raufen, Wenden und Pressen: Das Raufen des Flachses aus dem Boden und das Anrösten auf dem Feld übernehmen die Bauern. Anschließend muss das Material weiterverarbeitet werden. Das passiert dann aber nicht mehr bei uns, sondern in einer kleinen Fabrik in Belgien. Dort muss das Material gebrochen, geschwungen und gehechelt werden, um die benötigten Langfasern von den holzigen Bestandteilen zu trennen. Dieser mechanische Aufwand und die Kosten haben Leinen für die Textilproduktion im Vergleich zur einfach und maschinell zu verarbeitenden Baumwolle unattraktiv gemacht.

  • Was hat sich innerhalb der letzten Jahre beim Anbau und Ernte verändert?

    Die größte Herausforderung für den Flachsanbau ist der Klimawandel. Allein in diesem Jahr hatten wir noch im April Spätfrost und zunächst wenig Regen. Als es dann regnete gab es oft Starkregen, der auch nicht ideal ist. Generell benötigt der Flachs im Anbau wenig Aufmerksamkeit. Das Wetter ist unsere größte Sorge.

  • Was passiert nach der Ernte mit den Leinen? Gibt es ein Video von der Ernte? Oder der Verarbeitung?

    Nach der Ernte müssen in verschiedenen Arbeitsschritten, die für die Kleidung entscheidenden Langfasern vom Stängel getrennt und herausgelöst werden. Dafür wird das Flachs gerauft und geschwungen. Diese mechanischen Verfahren sind nötig, um das Leinen für das Verweben vorzubereiten. Leider gibt es in Deutschland keinen Betrieb mehr, der diese Verfahren durchführen kann. Deshalb findet der Prozess der Schwinge in Belgien statt. Unsere Fotos zur Leinenproduktion dokumentieren die verschiedenen Prozesse und Abläufe.

Hessen-Leinen – vom Feld zur Faser.

Die Leinenfaser wird dann in einem kleinen Betrieb in Belgien weiterverarbeitet. Denn leider gibt es in Deutschland keinen Betrieb mehr, der diese Verfahren durchführen kann. Hier seht ihr, wie die verschiedenen Prozesse und Abläufe der Weiterverarbeitung ablaufen.

Die Flachsballen werden zur Schwinge antransportiert. In der Schwinge werden die Flachstängel dann gebrochen und die holzigen Teile von den Fasern getrennt.

Beim Hecheln werden die Fasern parallelisiert und weiter gereinigt. Die Langfasern werden dann maschinell zu Fäden versponnen und zu Gewebe verarbeitet. Daraus entstehen dann unsere besonderen Hessen-Leinen-Lieblingsstücke:

Hier werden passende Produkte geladen

Mehr Informationen zum Biolandhof „Caspersch“:

Familie Pitt
Fronhäuser Str. 12
35102 Lohra-Damm
Telefon: 06426 / 7866
Fax: 06426 / 1635

Web: www.caspersch-hof.de
E-Mail: info@caspersch-hof.de

Öffnungszeiten des Hofladens
Di., Fr. 10.00 – 18.30 Uhr
Sa. 09.00 – 15.00 Uhr

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Kommentare
  • Anny, Niederlande ,

    Schön zu sehen wie das alles geht von Anfang bis zum Kleidung.
    Man wird sich mehr bewusst über die harte Arbeit die an ein Kleidungstück vorangeht.
    Mit freundlichen Grüssen.

    Antworten
    • hessnatur ,

      Liebe Anny, wir freuen uns sehr, dass unser Beitrag Dir gefällt. Vielen lieben Dank für Deine Rückmeldung.
      Herzliche Grüße, Dein hessnatur Service Team

      Antworten
  • Franzi ,

    Hallo ihr lieben!
    Toll, dass ihr alle unsere Fragen so gut beantworten konntet! Super interessanter Artikel über eine meiner Lieblingsfasern!

    Liebe Grüße

    Franzi

    Antworten
    • hessnatur ,

      Liebe Franzi,
      wir danken dir herzlich für dein Lob. Freut uns zu hören, dass der Beitrag dir gefällt.
      Viele Grüße, dein hessnatur Service Team
      P.S.: Deine externe Verlinkung mussten wir entfernen. Bei Fragen kannst du dich gern an dialog@hess-natur.de wenden.

      Antworten
  • Daria ,

    Super interessant! Vielen Dank für die Beantwortung der Fragen. Ich studiere Modedesign und meine Gruppe arbeitet nur mit Hessen-Leinen zum Thema „Nachhaltigkeit“ 😀 sehr hübscher Stoff!!

    Antworten
    • hessnatur ,

      Liebe Daria, vielen lieben Dank für deine Rückmeldung. Dein Lob geben wir gern weiter.
      Herzliche Grüße, dein hessnatur Service Team

      Antworten
  • Daria ,

    Ich hatte da noch die Frage: Kann man das Hessen-Leinen kompostieren? Vielen Dank!

    Antworten
    • hessnatur ,

      Liebe Daria, in unserem Hessen-Leinen sind keinerlei Gift- oder Schadstoffe enthalten. Theoretisch könnte man das Material kompostieren. Allerdings ist Leinen eine sehr widerstandsfähige und stabile Faser. Das Kompostieren würde daher sehr lange dauern. Herzliche Grüße, dein hessnatur Service Team

      Antworten

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