Das Jubiläumsjahr 2016 – Ein Interview mit Vivek Batra

Herr Batra, Sie sind seit März 2016 Vorsitzender Geschäftsführer von hessnatur. Das Unternehmen unterscheidet sich als Branchenpionier für nachhaltige Mode vielfach von anderen Textilanbietern. Was hat Sie überrascht?

Zunächst einmal sehe ich mich in großer Kontinuität. Als Beirat von hessnatur habe ich die strategische Unternehmensentwicklung seit drei Jahren begleitet und unterstützt. Dabei habe ich hessnatur als Vorreiter für Nachhaltigkeit und verantwortliches Handeln kennengelernt. Was ich in dieser Form nicht erwartet hätte, ist die Konsequenz mit der bei hessnatur in die Tiefe und die Breite gearbeitet wird. Bei jedem Artikel, Accessoire, Etikett oder Verpackungsmaterial werden die Auswirkungen auf Mensch und Umwelt, die Produktionsbedingungen und der Ressourceneinsatz hinterfragt.

Sie haben lange Jahre für konventionelle Modeanbieter gearbeitet. Wird hessnatur nun konventionell?

hessnatur wird nie konventionell werden. hessnatur bleibt der Pionier für Mode mit Verantwortung, für „responsible innovation“ vom Anbau bis zum Kleiderbügel. hessnatur zeigt, dass ein anderer Weg möglich ist und ich freue mich, für solch ein Unternehmen arbeiten zu dürfen. Ich habe auf meinen Geschäftsreisen unhaltbare und unzumutbare Verhältnisse in der Textilproduktion gesehen. Und ich bin der festen Überzeugung, dass sich etwas ändern muss und dass sich etwas ändern wird. Die Katastrophe von Rana Plaza markiert einen deutlichen Einschnitt. Immer mehr Verbraucher wollen wissen, wie, wo und von wem ihre Kleidung produziert wird. Die Aufmerksamkeit der Verbraucher ist zuletzt sehr stark gewachsen. Es wird den schwarzen Schafen immer schwerer fallen, sich zu verstecken.

Was muss sich vor allem ändern?

Zunächst einmal muss sich die Einstellung in den Unternehmen ändern. Es reicht nicht, sich auf die Verantwortung für die jeweils vorherige Stufe der Wertschöpfungskette zu beschränken. Das systematische Wegschauen muss ein Ende haben. Das Bündnis für nachhaltige Textilien ist ein erster Schritt, in der ganzen Breite der Branche Veränderungen anzustoßen und Mindestanforderungen festzulegen.

hessnatur steht für einen besonderen ökologischen Anspruch. Seit einiger Zeit betont hessnatur vor allem die modische Ausrichtung. Ist das nicht ein Widerspruch, wenn der Ansatz konventioneller Modeanbieter zum Maßstab wird?

Ich kann nicht sehen, dass Nachhaltigkeit und Mode einen Gegensatz bilden. Ganz im Gegenteil bilden Ethik und Ästhetik für mich eine unschlagbare Kombination. Wir wollen modischer werden, aber wir wollen kein „Fast Fashion“ Anbieter werden. Unser Ansatz lässt sich gut mit dem Begriff „Slow Fashion“ umschreiben. Wir wollen die Wertigkeit und die Qualität der Kleidung in den Mittelpunkt stellen. Kunden sollen ihre Lieblingsteile entdecken und lange Freude an jedem einzelnen Artikel haben. Die einzelnen Teile der Kollektion sollen auch über einen längeren Zeitraum untereinander kombinierbar bleiben. Dafür sorgt die einheitliche Designhandschrift über alle Kollektionen und Sortimente. Und unsere Lieblingsstücke lassen bei Stilistik, Passform, Verarbeitungsqualität und Materialität keine Wünsche offen.

hessnatur hat im vergangenen Jahr den Leader Status der Fair Wear Foundation (FWF) erreicht. Versteht sich die Kategorisierung für hessnatur nicht von selbst?

Zunächst einmal möchte ich ein großes Lob an alle Mitarbeiter aussprechen, die mit ihrem Einsatz die Höchstbewertung in der FWF möglich gemacht haben. Auch für hessnatur ist es keineswegs selbstverständlich, immer die höchste Bewertungsstufe zu erreichen. In der FWF wird jedes Unternehmen nach seinen individuellen Verbesserungen bei den Sozialstandards bewertet. Da hessnatur bereits ein sehr hohes Niveau bei den Sozialstandards erreicht hat, sind weitere Verbesserungen immer auch eine Herausforderung. Unternehmen, die ihre Zusammenarbeit mit der FWF gerade begonnen haben, fällt es da ein wenig leichter. Das soll aber keine Entschuldigung für uns sein. Wir sind als erstes deutsches Unternehmen vor mehr als zehn Jahren der FWF mit dem klaren Anspruch beigetreten, die Sozialstandards in unseren Partnerbetrieben zu verbessern. Das bleibt unverändert unsere Leitlinie.

„Wir sind davon überzeugt, dass jedes einzelne Kleidungsstück den Unterschied macht.“ Vivek Batra

 

hessnatur beteiligt sich von Beginn an am deutschen Textilbündnis. In der letzten Zeit sind auch negative Stimmen zu hören, erste Unternehmen haben das Bündnis wieder verlassen. Droht eine Verwässerung der Standards, wenn Firmen wie Aldi, Kik oder Primark dem Textilbündnis beitreten?

hessnatur ist dem Bündnis für nachhaltige Textilien beigetreten, um zu zeigen, wie verantwortliches Handeln entlang der kompletten textilen Wertschöpfungskette, vom Anbau bis zum Kleiderbügel möglich ist. hessnatur lag und liegt deutlich über Mindestanforderungen, die im Bündnis diskutiert worden sind. Der Anspruch des Bündnisses war von Beginn an, ein Zeichen zu setzen und die gesamte Branche zu bewegen. Deshalb ist die Beteiligung von Branchengrößen grundsätzlich zu begrüßen.

Wie erklären Sie sich das Missverhältnis zwischen Anspruch und Wirklichkeit beim Thema Nachhaltigkeit. Das Wort ist in aller Munde, gleichzeitig liegt noch vieles im Argen.

hessnatur arbeitet seit 40 Jahren vorbildlich nachhaltig. Soziales und ökologisches Handeln zählt zu unseren Kernkompetenzen. Diese Expertise und die Erfahrung unserer Mitarbeiter verschaffen uns einen Vorsprung, den konventionelle Anbieter aufzuholen haben. Je nach Unternehmensgröße und Komplexität der Lieferkette bedeutet dies einen großen Reformbedarf. Entscheidend ist aus meiner Sicht die Ernsthaftigkeit mit der ein Unternehmen das Thema angeht und sich zu konkreten Schritten verpflichtet.

Mehr über Vivek Batra

Vivek Batra (51), ist seit März 2016 Vorsitzender Geschäftsführer von hessnatur. Zuvor wirkte er drei Jahre als Beirat des Unternehmens.

Der gebürtige Inder ist deutscher Staatsbürger und verfügt über mehr als 25 Jahre Managementerfahrung in der Modeindustrie und verschiedenen Bereichen des Handels.

Es geht also um Verantwortung?

Sicher! Ich glaube, dass Menschen wahrhaftig Verantwortung übernehmen, wenn sie Eltern werden. Es war die Geburt ihres ersten Kindes, die in Heinz und Dorothea Hess den Funken für einen Neuanfang auslöste. Ihr Unternehmergeist führte zur Gründung von hessnatur und sollte die Textilindustrie, die Welt der Textilien verbessern. Verantwortungsvolle Innovation - responsible innovation - ist ein Markenzeichen dieser Erfolgsgeschichte.

Was sind ihre Ideen für die nächsten 40 Jahre?

Verantwortung und der Mut zur Nachhaltigkeit definieren meiner Meinung nach die Frage „Warum?“ wir als Unternehmen seit 40 Jahren bestehen. Nämlich um die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Wir sind davon überzeugt, dass jedes einzelne Kleidungsstück den Unterschied macht. Im Vergleich ist der Kauf bei hessnatur besser für Mensch und Umwelt. Und ich glaube, dass 386 Menschen jeden Tag hochmotiviert zur Arbeit kommen, weil sie diese Einstellung teilen. Diesen Unterschied zu machen wird, bei aller Veränderung im Einzelnen, auch in Zukunft Richtschnur unseres Handelns bleiben.

Interview: Sven Bergmann

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