"Der rote Faden" Ausstellung in Frankfurt

Zeitreise durch die Handwerkskunst: Ausstellung „Der rote Faden“

Die Ausstellung „Der rote Faden. Gedanken Spinnen Muster Bilden“ im Weltkulturen Museum Frankfurt läuft noch bis 27.08.2017 und nimmt euch mit auf eine Zeitreise durch die Handwerkskunst. 

Im Weltkulturen Museum Frankfurt laufen gerade alle Fäden zur Ausstellung „Der rote Faden. Gedanken Spinnen Muster Bilden“ zusammen. Die Ausstellung läuft bis Ende August 2017 und knüpft historische und globale Bezüge zwischen textiler Handwerkskunst und technischen sowie mathematischen Kompetenzen bis hin zur Digital- und Computertechnik. Künstlerinnen und Künstler greifen die Zeitreise „vom Weben zum Web“ in ihren Installationen auf. 

hessnatur steht seit 40 Jahren für die Wiederentdeckung der Naturfasern und für die Verarbeitung in den Ländern, die über eine handwerkliche Tradition für Materialien wie Alpaka, Seide oder Yak verfügen. Deshalb sprachen wir mit der leitenden Kuratorin der Ausstellung, Vanessa von Gliszczynski.

Das Interview.

Die Ausstellung „Der rote Faden“ zeigt viele eigene Exponate erstmals öffentlich. Seit wann wird bei Ihnen gesammelt? Was macht Textilien besonders?

Tatsächlich sind viele der rund 400 Objekte, die in „Der rote Faden“ zu sehen sind, noch nie oder schon seit über 50 Jahren nicht mehr öffentlich präsentiert worden. Einer der Gründe dafür ist sicher, dass Textilien und textile Materialien besonders schwer auszustellen sind. Es wäre schwer zu sagen, seit wann genau wir Textilien sammeln. Schon seit der Gründung des Museums 1904 gab es immer wieder Forschungsreisen, Schenkungen usw., durch die Stoffe, Rohmaterialien und Werkzeuge in die Sammlung eingegangen sind. Der Großteil der Objekte wurde in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gesammelt, aber die Objekte sind zum Teil deutlich älter. Zum einen werden beispielsweise in Indonesien textile Familienerbstücke besonders gut gepflegt und sind trotz ihres hohen Alters in einem sehr guten Zustand. Alltagskleidung hingegen kann schon nach ein paar Jahren alt aussehen. Zudem gibt es in der Südamerika-Sammlung präkolumbische Textilien, die aus Grabfunden kamen und mehrere hundert Jahre alt sind.

Warum sind Textilien und Bekleidung museumsreif?

Weil sie so zentral für unser ganz alltägliches Leben sind und wir in vielen Fällen gar nicht mehr wissen, welche Arbeit, Kompetenz und Symbolik darin steckt. Textile Techniken und Motive begleiten uns seit geraumer Zeit und sind auch in unsere Sprache und unsere Erzählungen eingegangen, ohne dass es uns bewusst wäre: wir spinnen, verhaspeln uns, verknüpfen etwas; Dornröschen sticht sich an der Spindel und Rumpelstilzchen spinnt Stroh zu Gold…
Textilien und Bekleidung sind wie unsere zweite Haut. Sie sollen uns schützen, unsere Identität unterstreichen, kennzeichnen Zugehörigkeiten, transportieren kulturelle Werte. Es steckt mehr in diesem „alltäglichen“ Material, als uns bewusst ist.

Die leitende Kuratorin der Ausstellung, Vanessa von Gliszczynski.

Konnten sie aus dem Vollen schöpfen? Wie repräsentativ ist Ihre Sammlung? Welche Kulturen sind gut dokumentiert, wo gibt es Lücken?

Die Ausstellung „Der rote Faden“ und unsere Sammlungen aus Südostasien, Nord- und Südamerika, Ozeanien und Afrika geben einen Einblick in die Vielseitigkeit textiler Kulturen. Einen Anspruch auf Vollständigkeit können und wollen wir nicht erheben. Dafür sind Stoffarten, textile Techniken und Muster zu vielseitig und zu wandelhaft. Durch die Geschichte der Sammlungen bedingt fehlen uns bestimmte Regionen wie der Nahe Osten, China oder Japan. Aber auch in den bestehenden Sammlungen gibt es Lücken. Beispielsweise mangelt es unserer Indonesien-Sammlung an aussagekräftigen Batiken. Dafür aber haben wir hunderte von wunderbaren Ikat-Stoffen wie der Schlauchrock aus Seram in Ostindonesien, der in der Ausstellung zu sehen ist. Das leitet auch über zum zweiten Teil Ihrer Frage. Tatsächlich sind nicht alle textilen Techniken, Stoffe und ihre Bedeutungen gut dokumentiert. Batiken z. B. sind sehr gut erforscht, die Ikat-Stoffe aus den Molukken hingegen kaum. Trotzdem kann man durch einen interkulturellen Vergleich, wie er in unserer Ausstellung angestellt wird, Rückschlüsse auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede schließen.

"Durch die Ausstellung hat sich bei mir ein höheres Problembewusstsein herausgebildet" Vanessa von Gliszczynski

 

Sehe Sie in Ihrer Ausstellung auch ein Symbol oder Ausgleich für vergessene Handwerkstechniken?

Für mich persönlich stellt die Ausstellung ein Gegengewicht zum kommerziellen Umgang mit Textilien dar: Billig kaufen, schnell wegschmeißen. Wichtig ist mir und dem Team eine Aufwertung der manuellen Textilproduktion, eine neue Wertschätzung der langwierigen Arbeit, die in den Stoffen steckt. Ich wünsche mir, dass „Der rote Faden“ die Besucher dazu anregt, mehr über den eigenen Textilkonsum nachzudenken. Und sie im Bestfall selbst wieder zu Nadel und Faden oder zum Strickzeug greifen…

Die Ausstellung zeigt eine faszinierende Verbindung vom Weben zum Web. Stand Ihnen dieser Zusammenhang von Anfang an vor Augen oder hat sich diese Zuspitzung im Verlauf Ihrer Recherchen ergeben?

Tatsächlich hat sich die Verbindung im Laufe der Recherchen zur Ausstellung ergeben, als ich auf die Verbindung zwischen dem Jacquard-Webstuhl und der Analytical Engine von Charles Babbage gestoßen bin. Die Lochkarten des Webstuhls waren die Grundlage für die binären Codes unserer digitalen Gesellschaft. Ich habe viele Objekte meines Sammlungsbereiches neu betrachtet. Die Abbindungen auf Ikat-Rahmen z. B. als binären Code. Abbindung = 1, keine Abbindung = 0. Es ist auch üblich, Muster mit Musterstäben auf die Kettfäden zu „programmieren“. Heute übernehmen vielfach Maschinen diese Abstraktion und Vorausplanung von Mustern.

Ist es nicht gewagt, von Kulturtechniken auf Gehirnleistungen oder Konzentrationsprozesse zurückzuschließen?

Ja, vielleicht ist das provokativ. Gerade in der Ethnologie wird einem dann schnell Evolutionismus vorgeworfen. Es ist allerdings nicht zu bestreiten, dass die beim textilen Handwerk erforderlichen Techniken die Hand-Auge-Koordination positiv beeinflussen. Das soll aber nicht heißen, dass alle Textiler kluge Köpfe sind oder man nur durch textiles Werken kognitive Höchstleistungen erbringen kann. Auch andere Tätigkeiten, wie das Musizieren, wirken sich positiv aus. Auch bedeutet das Fehlen der Weberei in einigen Weltregionen nicht, dass diese eine geringere geistige Disposition haben. Denn es gibt ja auch andere Techniken, wie das Flechten und Knüpfen von Maschenstoffen - in Ozeanien zum Beispiel – die nicht weniger fordernd sind. Wir wollen schlicht darauf hinweisen, dass textile Techniken auch einen Einfluss auf kognitive Fähigkeiten haben können.

Gibt es eine Verbindung zwischen den handwerklichen Fähigkeiten verschiedener Kulturen? Oder haben sich textile Techniken in Asien, Südamerika oder Afrika getrennt herausgebildet?

Das ist eine schwierige Frage, denn man kann nicht immer eindeutig nachweisen, ob und wann Techniken gewandert sind. Man vermutete, dass die Weberei in Mikronesien stark aus dem indonesischen Raum beeinflusst wurde. Die Form der Webgeräte ist oft ähnlich und man findet auch sprachliche Analogien. Zudem wurden die Siedlungsbewegungen in diesem Raum bereits relativ gut erforscht, auch wenn es noch Unklarheiten gibt. Schaut man sich das Webgerät und die Spindel an, so sind diese in vielen Kulturen der Welt – ob in Afrika, Südostasien, Ozeanien oder Südamerika – ähnlich aufgebaut. Aber das hängt natürlich auch mit technischen Faktoren zusammen, die die Form der Gerätschaften beeinflussen. Es muss nicht mit einer Verbreitung der Technik durch Kulturtransfer zusammenhängen. Nimmt man einen solchen ‚Diffusionismus‘ an, würde man bestimmten Gruppen die Kompetenz absprechen eigenständig kulturtechnische Lösungen gefunden zu haben. Dennoch kann man natürlich nicht ausschließen, dass sich textiles Wissen durch Handel und Migration verbreitet hat.

In Ihrer Ausstellung und im Katalog gehen Sie auch auf die sozialen Probleme und die Umweltauswirkungen der globalen Textilindustrie ein. Wie hat sich Ihre Sicht auf das Thema durch die intensiven Vorbereitungen für die Ausstellung verändert?

Durch die Ausstellung hat sich bei mir ein höheres Problembewusstsein herausgebildet. Ich prüfe genauer nach, wo ich Kleidung kaufe und ob ich wirklich etwas kaufen muss. Gleichzeitig hat sich bei mir allerdings ein Gefühl der Ausweglosigkeit eingestellt, denn ich empfinde es als sehr schwierig, den komplexen Kreisläufen aus sozialer Ausbeutung und Umweltverschmutzung zu entkommen. Wir benötigen Kleidung und wenn diese fair und ökologisch ist, sind auch die Kosten entsprechend. Wenn man kleine Kinder hat, ist es – so finde ich – sehr schwierig ausschließlich solche hochwertige Kleidung zu kaufen. Es ist aber ein Anfang, Kleidung zu tauschen oder aus zweiter Hand zu kaufen. Außerdem versuche ich meinen Kindern ein Bewusstsein für die Arbeit hinter dem Textil zu vermitteln. Diese Idee ist auch ganz stark in die Ausstellung „Der rote Faden“ mit eingeflossen.

 

Frau von Gliszczynski, vielen Dank für das Gespräch

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