Der Tisch mit den ausgestellten Hüten aus aller Herren Länder könnte auch eine Auslage in einem Kaufhaus sein. Doch beim genaueren Hinsehen sind die Kopfbedeckungen im Museum der Weltkulturen in Frankfurt dann doch ein wenig zu ausgefallen. Es gibt einen aufwändig genähten Hut aus rotbraunem Glattleder mit aufgebogener Krempe aus Brasilien, einen schwungvollen indonesischen Hut, aus Palmblättern geflochten, samt Flechtfeder und rosa Farbakzenten, und sogar eine Stachelhaube aus einem Kugelfisch. An der Wand hinter dem Ausstellungstisch hängen drei schwarzweiße Porträts von behüteten Afrikanern.

Die Ausstellung „Trading Style – Weltmode im Dialog“ bricht in vielerlei Hinsicht mit dem vielkritisierten „ethnologischen Blick“, dem Blick der europäischen Kolonialherren auf die „primitiven Völker“, die sie unter ihre Herrschaft gebracht hatten und wie wissenschaftliche Objekte betrachteten. „Tu nous regardes comme des insects“ – „du schaust uns an, als wären wir Insekten“, lautete auch der Vorwurf des senegalesischen Regisseurs Sembène Ousmane an den großen ethnologischen Filmer Jean Rouch in einem Gespräch aus dem Jahr 1965, das Geschichte geschrieben hat. „Es reicht eben nicht zu sagen, dass ein Mensch läuft, man muss wissen, woher er kommt, wohin er geht“, war eine Forderung von Ousmane Sembène an die Ethnologie.

 Masken und Tattoos

In gewisser Weise ist es genau diese Forderung, der die Ausstellung „Trading Style“ nachkommt: Denn anstatt sich damit zu begnügen Kleidung und Accessoires aus der großen und kostbaren Sammlung des 1904 gegründeten Museums auszustellen, haben sich die Kuratoren etwas ganz anderes ausgedacht. Sie haben im vergangenen Jahr vier Modedesignteams eingeladen, sich im Labor des Museums mit 500 ausgewählten Artefakten zu beschäftigen und sich von ihnen inspirieren zu lassen.

So hat das Berliner Label  A Kind of Guise mit traditionellen Batiktechniken beschäftigt und sich von indonesischen Masken zu einem schönen Print inspirieren lassen: Die abgezeichneten Masken haben sie auf Baumwolle drucken lassen und zu einem Herrenhemd verarbeitet. CassettePlaya aus Großbritannien hat sich mit Signalwirkungen Kleidung und Körperdarstellungen beschäftigt, die wie Codes funktionieren und viel über die Gruppe, den „Stamm“ aussagen, aus der ein Individuum kommt. Fotos vom Körper-Tattoo eines samoanischen Kriegers ziert die Wände. Diese Körperkunst ist mehr als nur Dekor, sie hat eine religiöse Bedeutung und sagt viel über die Geschichte des Clans aus, aus dem der Krieger kommt. Im Kontrast dazu hat CassettePlaya farbenfrohe T-Shirts und eine mit bunten Stoffresten „gefiederten“ Jogginganzug ausgestellt. Die digitalen Drucke, die von der Ornamentik traditioneller Tattoos und Masken inspiriert sind, stellen für den Betrachter eine Verbindung her zwischen ritueller Stammestracht und subkulturellen Bekleidungs-, Schmuck- und Schminkcodes der Städte. Man denke an Szenen wie Punk, HipHop oder Emo.

Kleidung nimmt uns die Angst

Diese Ausstellung zeigt wirkungsvoll, dass kulturelle Begegnungen niemals eine Einbahnstraße sind: So gingen nicht nur Europäer nach Afrika und Asien, sondern Asiaten und Afrikaner kamen nach Europa. Und im Zuge dieses Austauschs haben alle gegenseitig voneinander gelernt und ihre Vorstellungen von Stil und Kultur erweitert. Aus der Sicht eines Naturtextilien-Herstellers der heutigen Zeit, wie hessnatur einer ist, bleibt noch, auf einen weiteren folgenschweren, aber heute häufig vergessenen Aspekt der Mode hinzuweisen. Die Schmink- und Bekleidungsrituale sehr alter Kulturen erinnern uns heute daran, dass Kleidung mehr ist als nur ein pragmatisch notwendiges Kulturgut.

Kleidung ist immer auch Maske, Inszenierung. Sie bannt die Angst des Menschen vor kultureller und spiritueller Nacktheit inmitten der Natur, die auch unwirtlich und lebensfeindlich sein kann. Von der Pflanze oder vom Tierhaar zur Textilie: Kleidung ist auch die Anverwandlung der Natur, sie kennzeichnet den Prozess des Heimisch-werdens des Menschen in seiner Umwelt. Das ist doch mal ein ganz anderer Blick auf die textile Kette!