20141118 Betina Breucha-bearbeitetBetina Breucha (52) ist studierte Diplom-Ingenieurin für Medien-Technik. Sie ist in verschiedenen internationalen Unternehmen in Vertrieb und Marketing tätig gewesen. In den letzten 15 Jahren hat sie als Mitarbeiterin internationaler Werbeagenturen in leitender Funktion große Unternehmen zu marketingstrategischen Fragen beraten. Seit Juli 2014 ist sie Leiterin des Bereichs Marketing bei hessnatur.

Frau Breucha, was heißt für Sie persönlich eigentlich Marketing? Worauf kommt es für Sie dabei entscheidend an?
Marketing bedeutet für mich in erster Linie unsere Kunden – seien es die bestehenden oder die zukünftigen – ernst zu nehmen. Wir müssen verstehen, was hessnatur und Mode im Leben der Kundinnen bedeuten. Welche Relevanz hat unsere Botschaft für sie? Kommt unser Kommunikationsangebot auf dem gewünschten oder bevorzugten Weg an? Sprechen wir sie auf Augenhöhe an und sind wir verständlich? Was können wir aus unserer Geschichte und unseren Produkten heraus entwickeln, das für die Kunden von hoher Attraktivität ist und für sie einen Nutzen bedeutet? Unser Credo ist, dass Menschen sich mit der Mode von hessnatur wohlfühlen. Das ist aber ein sehr subjektives Gefühl. Wohlfühlen kann ich mich, weil ich mich in eine riesige weiche Strickjacke kuschle und ein Gefühl von Geborgenheit erlebe. Wohlgefühl auslösen kann genauso die Resonanz anderer, ein „Du siehst heute aber gut aus!“ sein.

Was erleben Sie bei hessnatur anders als bei Ihren bisherigen Arbeitgebern?
Jeden Morgen, wenn ich das Haus betrete, merke ich den Unterschied: Bis auf die Produktion sind alle Teile der Wertschöpfungskette von hessnatur in diesem Gebäude in Butzbach untergebracht. Und das ist ein besonderes Gefühl. Der Bezug zu unserer Mode ist dadurch viel stärker. Überall stehen Kleiderstangen mit Mustern und Stoffen herum. 16 Designerinnen sind direkt im Raum neben mir aktiv. Im Erdgeschoss und im ersten Stock sorgen viele MitarbeiterInnen im Versand dafür, dass die Ware zu unseren Kunden kommt. Diese Unmittelbarkeit ist sicher der größte Unterschied zu allen anderen Unternehmen, in denen ich bisher gearbeitet habe.

Mit was für Träumen im Gepäck sind Sie bei hessnatur gelandet?
Auf meinem Lebensweg habe ich gelernt, was es heißt, sich für Gerechtigkeit einzusetzen. Das hat mich geprägt. Ich weiß es deshalb sehr zu schätzen, dass hessnatur sich für Gerechtigkeit in der Textilbranche stark macht. Ich glaube, dass wir als Unternehmen mit unseren Produkten es wert sind, dass mehr Menschen der Idee folgen, aus der hessnatur ursprünglich entstanden ist. Da muss vielleicht noch die eine oder andere Staubschicht weg, aber wir machen tolle Mode aus wunderbaren Materialien. Und das mit einem Anspruch an die gesamte textile Kette, wie er von keinem anderen Unternehmen über so viele Jahre hochgehalten wurde.

Ich bin durchaus sehr realistisch und weiß, dass wir uns mit den anderen Modemarken messen werden. Unsere Mode muss den Frauen, und das sind es ja meistens, in erster Linie gefallen. Und dazu müssen sie uns kennen. Dann haben wir auch die Chance, unsere besondere Geschichte und die tollen Materialien darzustellen. Das ist eine Riesenherausforderung, da wir als Mittelständler nicht einfach über große Marketingbudgets verfügen können.

Frau Breucha, Sie leben mit Ihrem Mann in Schleswig-Holstein. Wie verschlägt es eine gebürtige Stuttgarterin an die Nordsee?
Der Wechsel zwischen Nord und Süd ist fast eine Familientradition. Mein Großvater aus Stuttgart hat eine Bremerin geheiratet, meine Mutter, geboren in Bremen, hat meinen Vater, der aus dem Schwarzwald kommt, in Heidelberg beim Studium kennengelernt. Dass ich von Stuttgart über Frankfurt an der Nordsee gelandet bin, war da schon fast vorprogrammiert. Tatsächlich liegt mir die Weite und die konzentrierte Natur des Nordens sehr. Die Impuls-Armut der Landschaft gibt mir den Raum, meinen Kopf so zu entlasten, dass in mir neue Ideen entstehen können.

Was für ein Team-Verständnis haben Sie? Was ist Ihnen bei der Zusammenarbeit mit Ihren Mitarbeitern wichtig?
Ich fange mit dem zweiten Punkt an: Offenheit. Jeder Mitarbeiter soll sich sicher sein, dass alles adressiert werden kann. Fachliches wie auch gegebenenfalls Persönliches. Umgekehrt versuche ich auch so transparent wie möglich etwa Entscheidungsfindungen zu erläutern oder Rahmenbedingungen, die Entscheidungen beeinflussen zu erklären. Das gelingt leider oft nur unvollständig, weil der Tag immer so kurz ist.

Offenheit bedeutet auch, dass in Diskussionen jede Meinung erlaubt ist. Das heißt nicht unbedingt, dass daraus eine demokratische Entscheidungsfindung entsteht. Als Führungskraft muss ich auch zu einer Richtung stehen. Wichtig ist aber, dass möglichst viele Aspekte berücksichtigt werden.
Insofern verstehe ich ein Team als eine Gruppe von Menschen, deren individuellen Fähigkeiten die Grundlage für unseren Erfolg bilden.

Sie waren bisher in der Werbebranche tätig. Werbung steht im Ruf Geschichten erfinden zu müssen, um Produkte gut zu verkaufen. hessnatur setzt traditionell auf Transparenz, die Kunden sollen alle Schritte in der Produktion entlang der textilen Kette nachvollziehen können. Was bedeutet das für Ihre fachliche Herangehensweise?
Bisher hatte ich es oft mit Branchen zu tun, in der es eine nahezu hundertprozentige Produktähnlichkeit gab. Nehmen wir etwa Telekommunikation und Bankdienstleistung. Was macht da wirklich den Unterschied zwischen den Anbietern? Magenta, Rot, Grün …die Telefonleitung ist die Telefonleitung.
hessnatur hat dagegen alles, worum in anderen Unternehmen mühsam gerungen wird: Geschichte, Geschichten, Transparenz. Mein Team und ich versuchen diese Geschichten zum Leben zu erwecken, aber auch das Wesentliche herauszuarbeiten. Wir leben in einer Zeit, in der die Informationsaufnahme zunehmend dadurch bestimmt wird, dass wir uns nur noch kurz auf ein Thema einlassen. Dazu müssen wir die passenden Angebote haben, sei es auf der Website, im Blog oder auf Youtube, oder im Katalog. Und wir wollen präsenter sein. hessnatur hat über Jahrzehnte Maßstäbe für die textile Kette gesetzt, wir sind längst da, wo andere hinwollen, oder behaupten zu sein. Diese Abgrenzung deutlich zu machen, ist eine wichtige Kommunikationsaufgabe.

Was haben Sie für einen persönlichen Bezug zum Thema Nachhaltigkeit und zu nachhaltiger Mode?
Seitdem ich bei hessnatur bin, habe ich angefangen, mich selbst zu beobachten. Dabei ist mir aufgefallen, dass es wahrscheinlich drei Grundtypen gibt: die, die nachhaltig kaufen, die die nachhaltig benutzen. Und dann natürlich diejenigen, die beides tun. Ich bin eindeutig Typ 2 mit einer wachsenden Tendenz zur Kombination.

Ich habe eine Nähmaschine und stopfe auch noch Socken. Und es macht mich unruhig, wenn ich etwas wegwerfen soll, das noch funktioniert. Wenn Menschen Lebensmittel entsorgen, bringt mich das richtig auf die Palme. Vielleicht ist das auch ein bisschen das schwäbische Erbe. Beim Shoppen bin ich allerdings auch gerne sehr impulsiv. Und dann wirklich eindeutig Typ 2.