Selbst die größten Horrormeldungen haben in der Bundesrepublik den Stopp der Massentierhaltung, oder besser gesagt der landlosen Tierhaltung, nicht herbeiführen können. Eine Initiative von Seiten der Politik gab es im Januar 2013, als Bundesagrarministerin Ilse Aichner gemeinsam mit dem Deutschen Tierschutzbund das zweistufige Tierschutzlabel vorstellte. Es soll vor allem Masthühnchen (Lebensdauer in konventioneller Haltung ca. 6 Wochen) und Schweinen die Lebensbedingungen verbessern. Sie sollen mehr Auslauf haben, langsamer zunehmen und in maximal vier Stunden Fahrt zum Schlachter gebracht werden.

Als ich das las, erinnerte ich mich and den Gammelfleischskandal im September 2006. Damals waren in München 100 Tonnen vergammeltes Fleisch sichergestellt worden. Das war aber nur der Rest einer ursprünglich viel größeren Menge von „Ekelfleisch“, die offensichtlich schon von ahnungslosen Konsumenten verzehrt worden war. Damals geriet die gesamte Bundesrepublik außer sich. Es ging um mangelnde Lebensmittelkontrollen und die Massentierhaltung stand endgültig in der Kritik. Doch was unterschied eigentlich die artgerechte Tierhaltung aka Biofleisch-Produktion von derjenigen, von der für einen Augenblick die Öffentlichkeit die Nase so richtig voll hatte?

Schweine sind intelligent und spielen gern

Auf der Suche nach Antworten machte ich mich damals auf den Weg zu Bauer Etzel in Wehrheim im hessischen Hochtaunuskreis. Dort führte mich der Junior, Werner Etzel, durch die Stallungen, in denen es vor Schweinen nur so wimmelte. Hier lernte ich, dass Schweine nicht aggressiv aus finsteren Pferchen brüllen, wenn man ihnen nur ausreichend Auslauf gibt und ihrer hohen Intelligenz entsprechende Spielangebote macht. Die Schweine waren gut drauf, kamen neugierig angetrabt, als sie mich sahen und knabberten probeweise an den Fransen meines langen weißen Schals, während ich mich zu ihnen hinunterbeugte.

Ein weiterer, unvergessener Eindruck war die riesige Scheune. Denn eine weitere Auflage für die Bio-Tierhaltung ist, dass der Hof die Nahrung selbst produzieren muss, um zu gewährleisten, dass genug Land da ist, um den anfallenden Mist auf den Feldern auszubringen, ohne den Grundwasserspiegel über Gebühr zu belasten. In der Scheune lagerten Stroh und riesige Haufen Futtergetreide.

Ein Stern – ein fauler Kompromiss

Ein Blick in die Richtlinien der Bio-Tierhaltung des Bioland-Verbandes zeigt: In der Einstiegsstufe (ein Stern) ist die Anforderung an Höfe, die mit dem  Tierschutzlabel zertifiziert werden sollen, minimal.  Für Bio-Masthühnchen liegt die Herdenobergrenze bei  4800 Tieren, pro Hektar landwirtschaftlicher Fläche sind laut dem Biolandverband 480 Tiere erlaubt. Im Vergleich dazu liegt beim Tierschutzlabel  für die Einstiegsstufe die Bestandsobergrenze bei 2 x 30.000 Tieren. Bei der Premiumstufe hingegen sind die Haltungsbedingungen für Masthühner hingegen vergleichbar mit den Richtlinien von Bioland.

Doch hier liegt die Crux. Wie die Süddeutsche Zeitung Ende Mai berichtete, ist bisher kaum zertifiziertes Fleisch in den Supermärkten zu bekommen. „Schon vom Tag nach der Vorstellung an sollten Produkte mit dem neuen Siegel, das aus einem oder zwei Sternen besteht, bei Edeka, Karstadt, Lidl, Kaufland oder auch Kaiser’s Tengelmann erhältlich sein. So verkündete es die CSU-Ministerin damals gemeinsam mit dem Tierschutzbund stolz“, hieß es am 21. Mai bei der SZ. Bisher seien 15 Höfe für Schweine und 49 Höfe mit Masthühnchen zertifiziert worden. Das hört sich eher wie ein Tropfen auf dem heißen Stein an.

Bleibt abzuwarten, wann und wo möglichst viele Tierschutzlabel mit zwei Sternen (Premiumstufe) im Supermarkt auftauchen. Bisher kann man nur sagen, der Anfang eines Anfangs sei gemacht. Wir dagegen sind froh, dass hessnatur-Küchenchef Thomas Wolf das Biofleisch aus sicherer Quelle kauft. Da gibt es keine Kompromisse. Übrigens: Als ich im Herbst 2006 den Bauern Werner Etzel fragte, wie es für ihn sei, wenn seine Kühe zum Schlachten abtransportiert würden, blieb er mir betreten eine Antwort schuldig. Ich bin übrigens Vegetarierin, aber das tut hier kaum etwas zur Sache.