Ich habe mir in der letzten Zeit ein paar Gedanken zur Privatisierung des Wassers in der EU gemacht. Der Vorstoß konnte ja einstweilen abgebogen werden. Aber es hat uns EU-Bürger gefährlich nahe an die Realität von Gesellschaften gebracht, auf die wir gemeinhin zwar engagiert, doch auch mit einem gewissen wohligen Schauer blicken. So nach dem Motto: „So etwas gäbe es bei uns zum  Glück nicht.“

Ich meine zum Beispiel Südafrika, wo private Konzerne ganzen Wohnsiedlungen das Wasser abdreht, weil die Menschen die Rechnungen nicht mehr bezahlen können. Oder Indien, wo die amerikanischen Konzerne Coca Cola und Pepsi Deals mit der Regierung abgeschlossen haben, die es ihnen erlauben, das Grundwasser anzuzapfen, abzufüllen und zu verkaufen, worauf hin ganze Landstriche austrocknen. Und das, obwohl die UNO den Zugang zu sauberem Trinkwasser im Jahr 2010 zu einem Menschenrecht erklärt hat.

Die Sache mit der privaten Altersvorsorge

Ich habe also meine Gedanken schweifen lassen und dabei fiel mir eine interessante Begegnung ein, die ich im Frühjahr 2008 hatte mit einem Professor für Volkswirtschaft. Das Thema war, wie Globalisierung und Deregulierung der Märkte weltweit in allen Volkswirtschaften dafür sorgen, dass die soziale Schere rasant aufgeht. Mit leuchtenden Augen berichtete er mir, er habe seine gesamte Altersvorsorge in Aktien angelegt und mit wie viel mehr Geld er eines Tages dastehen würde als wenn er das Geld konventionell angelegt hätte. Als am 15. September 2008 die US-Bank Lehman Brothers bankrott ging und das die weltweite Finanzkrise auslöste, da habe ich mit Schaudern an den armen Mann gedacht.

Für meinen durchaus kurzen Sachverstand war dieses Gespräch deshalb verwirrend, weil der Mann mir erst einen sehr guten Gedanken nahegebracht hatte: Er hatte nämlich beklagt, dass in der heutigen Zeit die Volkswirtschaftslehre auf dem absteigenden Ast sei und von der Betriebswirtschaftslehre völlig überrundet worden sei. BWL aber beschäftige sich immer nur mit dem kleinen Ausschnitt eines einzigen Betriebs oder Konzerns und sei daher nicht in der Lage, übergreifende wirtschaftliche Zusammenhänge und Entwicklungen zu erfassen, geschweige denn zu bewerten. Und dann das mit der Altersvorsorge…

Was ist volkswirtschaftlich sinnvoll?

Für jede U-Bahnstrecke, für jedes größere Verkehrsprojekt im öffentlichen Raum muss eine sogenannte Nutzen-Kosten-Untersuchung angestrengt werden. Das ist im Grunde eine volkswirtschaftliche Wirksamkeitsstudie von unglaublicher Bandbreite. In Sachen Public-Private-Partnership, wie versteckte Privatisierungen von der Politik gerne schönfärberisch genannt werden, gibt es solche Studien nicht, ganz im Gegenteil. Sie werden verhindert, geahndet, unterdrückt. Aber man muss sich nur mal so etwas anschauen wie den Verkauf des Technischen Rathauses in Frankfurt am Main: 1994 hat die Stadt das Gebäude für 148 Millionen DM an einen privaten Investor verkauft. Zwölf Jahre lang für 11 Millionen DM zurückgemietet, dann für 72 Millionen Euro zurückgekauft, um es für rund 19 Millionen Euro abzureißen. Das sieht jeder, dass das nicht zugunsten der Steuerzahler war, also volkswirtschaftlicher Humbug.

Wem würde also die Privatisierung des Wassers in Europa etwas bringen?

Seien wir mal ehrlich, eigentlich niemandem. Denn letztlich kann ein privater Konzern mit einer elementaren Ressource wie Wasser nur durch ihre Ausbeutung und die Ausbeutung von Menschen Gewinn machen. Der Preis für ein solches Wirtschaftsmodell ist zu groß. Manche werden sich noch an einen Aufkleber erinnern, den in den achtziger Jahren vorzugsweise Alternative und ihre Sympathisanten auf ihre Autos klebten. Da hieß es: „Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr merken, dass man Geld nicht essen kann.“

Und das heißt nicht, dass ich je ein Fan von kratzigen Alpaka-Inka-Pullovern aus den Anden war. Ich mag die heutigen, nachhaltig produzierten Alpaka-Pullover von hessnatur viel lieber – aber das nur nebenbei.