„Es könnte so einfach sein – isses aber nicht“. Toller Song von den „Fanta 4“. Wie das richtige Leben. Im Flieger nach Nepal habe mich mit einem Schweizer unterhalten, der schon seit 1969 Kathmandu kennt und heute auch dort lebt. Damals fuhren nach seiner Aussage gerade mal knapp 40 Autos im Kathmandu-Tal (Heute sind das gefühlte 40 pro Quadratmeter). Ich wünsche mir eine Zeitmaschine. Das muss wirklich das Paradies gewesen sein! Das kann ja nicht sein, hier mitten in der Stadt stehe ich bis zu den Knöcheln in Dreck und Staub und wundere mich natürlich nicht über meine Kopfschmerzen bei den Abgasen.

Aber der Schweizer kommt ja immer wieder, ich ja auch. In dieses Land voller Widersprüche. Hier leben Menschen, die nicht bereit sind Verantwortung, Eigenverantwortung  zu übernehmen, die aber auch mit einer beeindruckenden Gelassenheit all diese Widrigkeiten auf sich nehmen. Von dieser Geduld könnte ich mir eigentlich ein Scheibchen, quasi Souvenir, mitnehmen. Hari, der Produktionsleiter von New SADLE, sagte mir heute auf dem Weg zum Projekt, dass es den Nepalis besser gehen würde, wenn sie wieder gar keine Regierung hätten (wie in der kurzen Zeit zwischen der Königsabdankung und der Regierungsbildung). Die politischen Bedingungen, also die völlige Handlungsunfähigkeit, sind extrem beeindruckend. Da mein „Blogwart“ mich ja immer zur Kürze anhält, gehe ich hier aber nicht in die Tiefe.

Diese extrem schlechten Rahmenbedingungen und das auffallend große Fehlen von Eigeninitiative lassen das Land immer tiefer in diese große Armut stürzen. Wie erfrischend ist das dann immer für mich zu sehen, dass es doch Initiativen gibt. Wie zum Beispiel die von der überaus starken Meera Batarai, die hier seit Jahren erfolgreich verschiedene Frauenkooperativen koordiniert. Oder eben meine Freunde von New SADLE.

Mit denen habe ich heute intensiv über Zahlen gesprochen. Das New SADLE-Konzept soll nach dem Konzept eines Kreislaufs funktionieren: In den eigenen Reha-Werkstätten werden Produkte gefertigt, die dann überwiegend in Übersee vertrieben werden. Aus dem Einkommen können dann das Altenheim, Kindergarten und die Roadside-Kliniken (über die erzähle ich noch) finanziert werden. Geschlossen wäre der Kreislauf, wenn die Gewinne so groß wären, alles „running costs“ zu decken (und dann wäre es ein ideales Beispiel für Social Business, würde Kollegin Steffi Karl anmerken).

Um die noch beträchtlichen Defizite abzudecken, gibt es einen deutschen Förderverein, der um Spendenmittel wirbt und regelmäßig monatliche  Beträge nach Kathmandu schickt, damit Medizin, medizinisches Personal etc. bezahlt werden können. In diesem deutschen Förderverein Nepra e.V. arbeite ich schon seit ewigen Zeiten mit. Angefangen hatte es für mich, als ich als Experte rübergeflogen bin und begonnen hatte, die Farbstoffe ökologisch zu optimieren. Seitdem haben wir gemeinsam kontinuierlich an der Qualität gearbeitet und richtig vorzeigbare Qualitätssicherungs-Standards implementiert. Ich bin richtig stolz, wie meine nepalischen Kollegen das umgesetzt haben. Nun, mit diesem Level konnten dann auch Produkte wie die Pashmina-Schals, Seidenschals und hochwertige Kissenbezüge usw. für hessnatur produziert werden.

Heute bin ich richtig zufrieden. Sie merken, ich nörgele kaum noch rum. Hari und ich haben uns mit einem Bananenfaser-Produzenten getroffen. Echt klasse! Aus den Stümpfen der Bananenpflanzen (die ja nach der Ernte nicht mehr weiterwachsen) wird das Fasermaterial mechanisch gewonnen, gekocht, aufbereitet und dann zu wildseiden-ähnlichen Garnen versponnen. Sieht vielversprechend aus. Jetzt werden Strick- und Häkelproben gemacht. Mal schauen, vielleicht klappt´s, dann hätte hessnatur schon wieder eine echte Innovation zu bieten (und mein Boss kann mir mal ’nen Sonntag frei geben :-) ).