Yunus

Um es vorweg zu nehmen: Es war ein beeindruckender Vortrag von Prof. Muhammad Yunus, gestern Abend im Wiesbadener Kulturzentrum Schlachthof! Das Grameen Creative Lab hatte anlässlich des Deutschlandbesuchs von Yunus dazu eingeladen.

Es ist das erste Mal, dass ich Professor Yunus live, „echt“ erlebe. Das Charisma, das spitzbübische Lachen und das Aufblitzen der Augen, das ich von Fotos und Videos her kenne – all das ist auch hier in Wiesbaden da. Yunus geht auf die Bühne und dieses Gefühl von Präsenz kommt auf – man kennt das ja: Jemand kommt in einen Raum und der Raum ist plötzlich voll.

Wer einen Vortrag erwartet hat, ist fehl am Platz. Professor Yunus spricht, agiert, lacht und denkt nach mit dem Publikum, mit uns. Er nimmt uns mit in die 1970er Jahre, nach Chittagong. Hier hat er an der Universität gelehrt, und in der Nähe in einem kleinen Dorf seine erste Mikrokredite vergeben. U.a. an eine Frau, die Bambus-Stühle herstellt und sich – um den Bambus kaufen zu können – Geld von einem Geldverleiher leiht. Als Gegenleistung muss die Frau ihm die Stühle abliefern. Die dann von ihm zu einem wesentlich höheren Preis verkauft werden. Das will Yunus nicht verstehen – und recherchiert, wer in dem Ort noch abhängig vom Geldverleiher ist. Schließlich vergibt er 27 Dollar in Kleinkrediten an 42 Dorfbewohner. Die damit ihr eigenes, unabhängiges Geschäft starten können. Losgelöst vom Geldverleiher. Und: alle zahlen ihren Mikrokredit an Yunus zurück.

Yunus setzt seine Vision, den Armen Geldmittel zu verschaffen, fort. Er lernt dabei vom weltweiten Bankensystem, wie er uns erzählt. Denn er macht beim Aufbau von Mikrokreditprogrammen genau das Gegenteil von dem, was Banken und Kreditinstitute machen: Darlehen an Reiche – Yunus vergibt Kredite an Arme. Kreditnehmer klopfen bei den Banken zwecks Darlehen an – Yunus geht auf die Menschen zu und bietet Hilfe an. In Bangladesch kriegen im Grunde genommen nur Männer einen Kredit – Yunus stellt Kredite für Frauen bereit.

„Es sind nicht die Armen, die Armut verursacht haben“, sagt Yunus. Bis 2030 will er die Armut weltweit ins Museum verbannen. „Start to re-design the system“, fordert dafür der Visionär. Das sei die Chance, die uns die Krise jetzt auch biete.

Von diesem guten Geiste, der von Wiesbaden ausgeht, lassen sich hoffentlich viele anstecken. Mit dem Ansatz von Social Business – dem sozialen Unternehmertum – hat Yunus schon vor den Schwächen der Wirtschafts- und Finanzkrise den Beweis angetreten, dass es auch anders geht. Das Unternehmertum ist nicht auf Gewinnmaximierung aus, sondern will Nöte lösen, will Armut und Elend bschaffen. Und will vor allem eins sein: menschenwürdiger.