Jüngst war ich in Litauen. Meine erste Reise ins Baltikum. Komisch – geht Ihnen das auch so? Ich für meinen Teil musste erst mal Estland, Litauen und Lettland auseinander dividieren. Jetzt weiß ich da Bescheid. Warum Litauen? Schließlich bin ich doch im Bereich Sozialstandards tätig. Und Litauen liegt doch in der EU? Richtig. Das ist aber nicht das einzige Kriterium. In Litauen hat hessnatur aktuell fünf Produktionsstätten. Deshalb bin ich hierher gereist, um mich vor Ort von unseren Sozialstandards zu überzeugen: nach Vilnius, Siauliai und nach Kaunas.

Gerade Arbeitsverträge, Arbeitsstunden und Urlaubszeiten sind in Litauen gut und einheitlich durch den Staat geregelt. Kinderarbeit? Von wegen. Hier muss eher darauf geachtet werden, dass die Arbeiter auch rechtzeitig in Rente gehen. Die Textilindustrie interessiert die Jugendlichen nicht mehr. Meist waren die jüngsten Mitarbeiter bereits älter als ich selbst. Nähen ist immer noch eine Frauenaufgabe. Die Männer arbeiten da eher im technischen Support. Kümmern sich also um zum Beispiel Feuerlöscher, warten und reparieren die Nähmaschinen.

Mein letzter Tag in Kaunas war besonders effektiv. Juliette Li, eine Auditorin der Fair Wear Foundation, war mit mir in einer der Nähereien vor Ort. Während ich eine Näherei nach der anderen gesehen habe, hat sie sich mit Gewerkschaften und Arbeitnehmerverbänden getroffen. Spannend wird es dann,  wenn beide Ansichten und Meinungen über die Textilindustrie vor Ort zusammen kommen. Hier in Litauen bin ich da ganz entspannt. Eine Arbeiterin erzählte uns, dass sie seit 12 Jahren in der Näherei arbeitet. Mit nur einer kurzen Unterbrechung. Damals dachte sie, dass sie in einer anderen Produktionsstätte bessere Arbeitsbedingungen und Konditionen finden würde. Kein Jahr später war sie wieder zurück. Wenn das mal kein Zeichen ist!