Was ist eigentlich Slow Food? Das erste Mal wurde ich mit dem Begriff Anfang 2007 konfrontiert. Ich hatte von meiner Zeitung den Auftrag, mir die Kochshow von Jamie Oliver angesehen. Was für ein Spektakel. Der britische Starkoch arrangierte auf der Bühne ein Dinner-Date mit Zungenkuss, bestellte circa 25 Zuschauer auf die Bühne, die eine endlose Strippe von Nudelteig halten mussten, die Oliver durch eine kleine Nudelmaschine gejagt hatte – eine Handvoll landete bald darauf im Gesicht eines Kameramannes, den Jamie gut kannte – und kochte eine Fischsuppe, die er am Schlagzeug besang und alle 2000 Zuschauer im Saal gleich mit: „I’ve got a fish stew, baby, I want to move your body!“, was so viel heißt wie „Ich hab‘ ne Fischsuppe, Schätzchen, ich will deinen Körper in Wallung versetzen.“ Drei ganze Essen, gekocht innerhalb von anderthalb Stunden. Verrückt.

In der Pause hatte ich Besucher befragt, wie sie die Show fanden. Da war eine begeisterte junge Frau, die nicht selber kochte, aber so inspiriert war, dass sie von Stund‘ an damit beginnen wollte. Ihre Mutter dagegen, die sie mitgebracht hatte, machte ein langes Gesicht: „Also, was das mit Haute Cuisine zu tun haben soll, weiß ich nicht. Ich bin ja ein Fan von Slow Food.“ Da war er also, der Begriff, den ich mein Lebtag noch nicht gehört hatte. Ich genierte mich ein bisschen und ging wieder in den Saal.

Keine Haute Cuisine

Als wir uns überlegt haben, etwas im Blog zu Slow Food zu machen, war mir die Episode mit der Kochshow wieder in den Sinn gekommen. Weil durch sie plastisch Fragen aufgeworfen werden wie: Wie stehen wir zu unserem eigenen Essen? Was für eine Funktion messen wir unserem Umgang mit Essen bei?

Wenn ich darüber nachdenke, was Jamie Oliver seit seiner Fernsehsendung „The Naked Chef“ Ende der 1990er Jahre alles bewegt hat, wie sehr er die Themen Kochen, Essen und Genießen ins Bewusstsein der Leute gerückt hat, auch durch seine Better Food Foundation, dann kann man das, was die Mutter damals in der Pause zu mir gesagt hat, nur als Missverständnis einstufen.  Slow Food hat nichts mit Haute Cuisine zu tun. Letztere hat den Anspruch „das Beste vom Besten für einen kleinen Kreis von Kennern“ zu sein. Eine Küche für wenige, die andere bewusst ausschließt, um den Preis des „Andersseins“.

Bewusstes und mündiges Essen

So heißt es in der Selbstbeschreibung des Vereins „Slow Food Deutschland“: „Slow Food ist eine weltweite Vereinigung von bewussten Genießern und mündigen Konsumenten, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, die Kultur des Essens und Trinkens zu pflegen und lebendig zu halten.“ Wenn es um bewusstes und mündiges Handeln in Bezug auf Essen geht, dann sind Konzepte von Nachhaltigkeit der Nahrungsmittelerzeugung meist nicht weit. So heißt es weiter: „Slow Food fördert eine verantwortliche Landwirtschaft und Fischerei, eine artgerechte Viehzucht, das traditionelle Lebensmittelhandwerk und die Bewahrung der regionalen Geschmacksvielfalt.“

Dass Jamie Oliver am Herd beherzt und flott zu Werke geht, und auch Kochbücher schreibt, deren Gerichte 15 Minuten Zubereitungszeit haben, macht sein Essen nicht zu Fast Food. Und nur weil er ein Chefkoch ist, ist das, was er kocht, noch lange keine Haute Cuisine. Oliver kocht nämlich für alle Hungrigen dieser Erde.

Lesen Sie im nächsten Beitrag weiter zum Thema „Hungrige dieser Erde“, oder „“Wie die industrialisierte Nahrungsmittelerzeugung Hunger gleich mit erzeugt“.