Die Araber, so lernten wir im Geschichtsunterricht, haben uns den Philosophen Aristoteles aus der Antike herüber gerettet, denn mit dem Untergang der antiken Kulturen geriet er in Europa zunächst aus dem Blickfeld. Doch auch ein anderes Kulturgut würde uns womöglich ohne die Araber heute fehlen: Die Strickkunst.

Angeblich drohte das Stricken mit zwei Nadeln mit den antiken Reichen im 5. Jahrhundert unterzugehen, wenn es nicht die Mauren mit der Eroberung Südspaniens reimportiert und dafür gesorgt hätten, dass allerliebste handgestrickte Kissenbezüge die Grab-Beigaben der kastilischen Königsfamilie aufwerteten. Und wieder einmal sollte es eine Modewelle sein, die die Kunst zu stricken rasant in Europa verbreitete. Es war die aufkommende Mode der Beinlinge, handgestrickter Männerstrumpfhosen, die im 15. Jahrhundert von Spanien aus über Italien nach Mitteleuropa kam.

Klingt nach einer steilen These? Nun, stellen Sie sich mal vor, in zweitausend Jahren findet jemand Hinweise auf eine Gruppe von Frauen in der „neuen Welt“, in einer Stadt namens Texas im Süden der USA, die heimlich nachts die Laternenpfähle einer Brücke mit rosa Strickstulpen verschönert hätten. Die sich Knitta Please (so viel wie Strick Bitte) genannt hätten, und deren Ziel es war, die urbane Welt ein wenig schöner und kuscheliger zu gestalten? Das hört sich vielleicht unwahrscheinlich an! Aber es wäre trotzdem war.

Im Jahr 2005 hatte Magda Sayeg aus Texas aus Frust und Langeweile eine Idee. Sie strickte einen kleinen Cosy, einen Türknopfwärmer, für ihre Ladentür. Ihre Kundinnen waren so begeistert, dass sie bald darauf begann, alles Mögliche zu bestricken. Sie tat sich mit Freundinnen zusammen und gründete die erste Knitting Guerilla. Ähnlich wie Grafitti-Sprüher zogen sie los und hinterließen in der Stadt ihre lustigen Strickbilder, an die sie kleine Zettel befestigten mit ihren Pseudonymen: PolyCotN, AKrylik, SonOfaStitch und P-Knitty.

Die Frauen sollten bald Nachahmerinnen rund um den Globus finden. Anfangs hauptsächlich in den USA, England und Spanien tätig, tauchten die gestrickten Grafitti ab 2010 auch in Deutschland auf: In Stuttgart tauchten sie am Bauzaun vor dem abzureißendem Bahnhof auf, als Protest-Kunst gegen das Stuttgart-21-Projekt.

Schade um die Zeit und um die Wolle? Das finden wir nicht! Denn schließlich entspringt aller kultureller Fortschritt der Menschheit dem Spieltrieb, dem Wunsch sich die Umwelt gestaltend anzueignen und sich selbst in den Produkten der Arbeit wiederzuerkennen. Mit Handgestricktem gegen die Entfremdung von Natur und Umwelt.

Das könnte glatt ein Credo von hessnatur sein. Wir sind sehr stolz darauf, Ihnen Saison für Saison unsere Strickkompetenz in den hessnatur-Kollektionen immer wieder aufs Neue vorzuführen: Ob die Verarbeitung von Alpaka in den Anden von Peru, die Gewinnung von Yak-Wolle in der Mongolei, die Herstellung von Rhönschafwalk oder farbenfrohe Jacquards und delikate Crochet-Waren. Wir bestricken keine Laternenpfähle und Straßenschilder. Wir bestricken Sie!

Lesen Sie nächste Woche, was wir noch für Parallelen zwischen uns und der Strick-Guerilla sehen!