Ökonomie oder Ökologie? Klimaschutz oder Glaubwürdigkeit?

Edersee ohne Wasser

Am Mittwoch Abend erreichte mich übers Radio die Nachricht, dass – als eines der ersten Unternehmen in Hessen – die Fraport AG die Charta „100 Unternehmen für den Klimaschutz“ unterzeichnet hat. Ich gebe zu, dass mich diese Nachricht leicht aus der Fassung gebracht und mich zusätzlich zu diesem Blog-Beitrag animiert hat. Ein politischer Vertreter der Opposition in Hessen kommentierte den Vorgang wie folgt: Der Beitritt von Fraport sei so, „als würde ein Schlachthofbetreiber Ehrenvorsitzender der Vegetariervereinigung“.

Ich bin der festen Überzeugung, dass Worte und Pressemitteilungen wenig zählen. Lasst uns Manager und Politiker und auch uns selbst an Ergebnissen messen. Politiker, Manager und auch jeder von uns kann seine Glaubwürdigkeit nur erhöhen, wenn man überzeugt ist von dem, was man sagt und tut, wenn man sich intensiv mit den Themen auseinandersetzt und hart daran arbeitet.

Legt man diese Messkriterien beim Klimaschutz und bei der Bewältigung der viel zitierten Wirtschaftskrise an, wird sehr schnell klar, dass wir wieder eine Chance vertun, um eine glaubwürdige Antwort zu finden.

Zum Thema Klimaschutz und Glaubwürdigkeit jedoch bin ich nicht mehr bereit, mir das einfach nur anzuhören (bzw. nachzulesen). Also schreibe ich meine Meinung zum Thema hier im hessnatur-Blog und hoffe, möglichst viele Gleichgesinnte anzusprechen.

Nach dieser beispiellosen Krise – verursacht durch ein System, das ein Wachstum „koste es, was es wolle“ propagiert – haben wir bislang keine Lehren ziehen können. Zur Bekämpfung der Krise wird weiter auf Wachstum gesetzt. Hierzu müssen natürlich weitere Kredite aufgenommen werden, deren Finanzierung ausschließlich über das Wachstum gesichert werden soll. Wie der bereits bestehende Schuldenberg getilgt werden soll, bleibt offen. Ein Umdenken hat also zum Thema Wirtschaftssystem und Wachstum noch nicht stattgefunden. Vielmehr erfreut man sich daran, dass der deutsche Aktienindex die 6.000 Punkte-Marke überschritten hat.

In der Zeit dieses neuen „Aufschwungs“ stand dann auch noch der Klimagipfel an. Erinnern wir uns: Zuletzt, im Dezember 2008, kapitulierte unsere Politik vor der Wirtschaftskrise. Schnell wurde erklärt, dass die Sicherung von Arbeitsplätzen eine höhere Priorität einnimmt als der Klimaschutz. Und auch im November 2009 erklärte unser neuer Wirtschaftsminister, dass der Klimaschutz nicht zu Lasten der gerade anspringenden Konjunktur gehen darf.

Das katastrophale Ende des Klimagipfels im Dezember 2009 spornt jetzt auch den Bundesverband der deutschen Industrie an, die von Deutschland gesetzten Ziele der Reduktion von Treibhausgas-Emissionen in Frage zu stellen. Also auch beim Klimaschutz kein Umdenken wie beim Thema Finanzen. Wieder bleibt festzuhalten, dass aus der Wirtschaftskrise und dem stattfindenden Klimawandel nichts gelernt wurde.

Eine Veränderung werden wir aber nur dann erreichen, wenn jeder von uns sich an den Ergebnissen seines Handelns messen lässt und alle anderen verantwortlichen Politiker und Manager permanent mit der Frage nach ihrer Glaubwürdigkeit konfrontiert.

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Kommentare
  • Dagmar Reichardt ,

    Ganz mir aus der Seele geschrieben, Herr Niemann! Es ist himmelschreiend und mich ärgert es mehr und mehr, dass ich auf meinem bequemen Schreibtischstuhl gesessen bin, während in Kopenhagen die Scheinheiligkeiten der Welt tagten. Wir hätten ALLE demonstrieren müssen. Es ist unsere einzige Möglichkeit, Aufmerksamkeit zu generieren, weil es immer noch zu viele sind, die keine Ahnung von den Zusammenhängen haben. Es reicht doch, dass es eine Klimakonferenz gibt, die wirds schon richten. Haha. Und genauso unglaubwürdig wird jede politische Aktivität in Sachen Umweltschutz hierzulande. Vieles davon sind nur die-Massen-beruhigende Maßnahmen mit wenig Nachhaltigkeit. Die Wirtschaftskrise wird tatsächlich zum genauen Gegenteil der Chance, die sie hätte sein können: die Chance zum Neuanfang, Umdenken und sinnvollen Wirtschaften wird vertan durch ein Verharren in den alten, nicht funktionierenden Mustern von Wirtschaft und Politik.

    Es müsste ja auch klar sein: die, die vom bestehenden System profitieren, werden wohl ganz sicher nicht ihren eigenen Ast absägen, auf dem sie wohlgenährt sitzen. Da trifft leider nur ein Satz den Nagel auf den Kopf: Gier frisst Hirn.

    Aber ich will nicht nur schimpfen: auch in privaten Diskussionen erlebe ich, dass diejenigen, die noch selbst aktiv waren, eingespart haben, umgesattelt haben, so langsam im Frust feststecken und sich fragen: „Macht das alles denn überhaupt einen Sinn?“. Ökostrom zum höheren Preis, Energiesparlampen, Unterschriftenaktionen? Der Frust ist groß und dennoch möchte ich Mut machen: wir sind gefordert. Jeder einzelne von uns muss tun, was geht. Wir können es leider nicht irgendwelchen gewählten Parlamentariern oder Wirtschaftbossen überlassen. Jeder einzelne muss aktiv werden. Sonst ist „Zukunft“ ab sofort ein begrenzter Begriff, der schrumpft.

    Antworten
  • Jörg Niemann ,

    Hallo Frau Reichardt,
    vielen Dank für Ihr Feedback. Ja im Nachhinein ärgert es mich auch, dass ich erst jetzt etwas zum politischen Zirkus rund um den Klimaschutz geschrieben habe.Eigentlich war der Ausgang und das Drehbuch unserer Akteure bereits im Voraus erkennbar.
    Ich werde aber dran bleiben den sonst ist nicht nur ein gefüllter Edersee im Oktober bald Geschichte.

    Antworten

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