Professor Muhammad Yunus im Gespräch mit Kundinnen der Grameen Bank. – Foto: Grameen Foundation Blog

Die Idee hält sich bis heute als eine der großen Hoffnungsträgerinnen in der Armutsbekämpfung, die Idee des Mikrokredites. Kleine Geldbeträge werden an eine Person oder eine kleine Gruppe von vorzugsweise Frauen verliehen, die das Kapital verwenden, um ein kleines Unternehmen aufzubauen: Durch den Kauf einer Nähmaschine, eines Spinnrades oder ähnlichem. Mit dem verdienten Geld zahlen die Frauen die Kreditraten, finanzieren sie die Ausbildung der Kinder und einen Teil sparen sie bei der Bank an, um spätere Anschaffungen aus eigener Kraft bezahlen zu können. Am besten gehört die Bank einer Genossenschaft, deren Mitglieder die Frauen sind. Im hessnatur-Blog wird es in mehreren Beiträgen um den Ansatz von Mikrokrediten und ihre Entwicklung gehen – und darum, was sich aus der Krise der Mikrofinanzindustrie lernen lässt. Wer den ersten Beitrag des Themas lesen möchte, findet diesen hier.

Liberalisierung macht nirgends halt

Doch seit den 1990er Jahren setzten zwei Tendenzen innerhalb der Weltwirtschaft ein: 1995 gründete sich die Welthandelsorganisation (WTO), die die Liberalisierung der Weltmärkte zum Ziel hatte durch die Abschaffung von Limitierungen wie Zölle und Einfuhrbeschränkungen. Zeitgleich begann der Begriff der partnerschaftlich orientierten Entwicklungszusammenarbeit allmählich den der Entwicklungspolitik abzulösen. Die Geberländer entdeckten die Mikrofinanzinstitute als Möglichkeit, Entwicklungshilfegelder gewinnbringend zu investieren.

Die als kleine NGOs, das heißt von Regierungen unabhängige Hilfsorganisationen, gegründeten Banken wurden immer mehr als Investitionsmöglichkeit für die Banken der Geberländer entdeckt, deren Aufgabe es ist, staatliche Entwicklungshilfe zu verteilen. Die Lösung schien einfach: Die staatlichen Banken der Geberländer (in Deutschland etwa die KfW) investierten in Mikrofinanzbanken und schoben so deren Geschäft an. Im Gegenzug profitierten sie von deren Rendite. Darlehen statt Almosen, das war die Devise.

Das war nur der Anfang: Mittlerweile hat die Finanzindustrie das Geschäft mit den Kleinkrediten entdeckt. Banken bieten Anlegern die Investition in Mikrokreditfonds an und im Jahr 2010 feierte die ehemalige indische Mikrofinanz-NGO SKS ihren Börsengang. Womit diese Fonds und Aktiengesellschaften Geld verdienen? Mit den Zinsen, die die Ärmsten der Armen bezahlen, wenn sie kleine Kredite aufnehmen. Dass sich das niemand so recht vor Augen führen wollte, trotz der Kritik, die etwa Muhammad Yunus an dieser Entwicklung übte, liegt auch an einer Verdrehung der Bedeutung des Wortes „Nachhaltigkeit“. Als nachhaltig gilt diese Form des Wirtschaftens auf dem Mikrofinanzsektor, weil sie auf dem Papier Renditen abwirft.

Ein Kritiker meldet sich

Was diese Renditen in der Realität für Kreditnehmer in armen Ländern bedeuten, beschreibt Gerhard Klas in seinem Buch „Die Mikrofinanz-Industrie“. Er thematisiert unter anderem die hohen Zinssätze, 20 Prozent halten alle Mikrofinanzinstitute für legitim. Doch keiner hinterfragt, warum das Geld, von dem die Ärmsten profitieren sollen, sie so teuer kommt. Es herrscht Intransparenz.

Dazu kommt ein weiterer Umstand: Um die Renditen zu steigern, sind nicht nur die Zinssätze relevant, die Masse macht es. Gewinnorientierte Investoren wollen, dass die Mikrofinanz-Banken möglichst groß und die Kredite möglichst einheitlich sind. Das sichert Investoren die Gewinnmargen. Gerhard Klas meint dazu: „Die individuellen Bedürfnisse der Kreditnehmerinnen spielen dann überhaupt keine Rolle mehr. Das gilt vor allem in Indien und Bangladesch, wo es die größten Mikrofinanzinstitute gibt.“

Den Druck der Anleger reichen die Mikrofinanzinstitute an ihre Mitarbeiter weiter. Die sind häufig unterbezahlt und müssen im Akkord Kreditnehmer bedienen. Für eingehende Beratungen bleibt so kaum Zeit, schon gar nicht, wenn bei der Rückzahlung des Kredits Probleme auftauchen. So kennen viele Kreditnehmer oft noch nicht einmal ihre Rechte und werden einmal mehr zum Spielball der Geldverleiher.

Ein neuer Wirtschaftsgedanke

Der größte Denkfehler in dieser Rechnung ist der, ein Geschäftsgebaren als nachhaltig bezeichnen zu wollen, dass ausschließlich auf Gewinnmaximierung setzt. Nicht zuletzt die Textilindustrie, die den Löwenanteil der Industrie in Bangladesch ausmacht, hat gezeigt, dass Gewinnmaximierung immer auf Kosten der Umwelt und der Arbeitnehmer geht. Textilunternehmen, die billige Massenware in Billiglohnländern produzieren lassen, produzieren gleich soziales Elend und Umweltkatastrophen mit.

Der in der Kritik stehende Muhammad Yunus selbst hat ein Gegenmodell entwickelt. In seinem Buch „Social Business and the Future of Capitalism“ hat er zwei mögliche Arten von Unternehmen beschrieben, die so geartet sind, dass Arme und Unterprivilegierte von ihnen profitieren können. Das erste ist ein Unternehmen, dass ein Produkt vertreibt oder ein Ziel verfolgt mit einem ethischen Ziel, so wie Grameen Danone, das  es sich zur Aufgabe gemacht hat mit Milchprodukten gegen die Mangelernährung der Landbevölkerung in Bangladesch vorzugehen.

Das zweite Modell sind Kooperativen, das heißt Firmen die im Besitz eines Kollektivs sind, das durch Unternehmenspolitik seine eigenen Rechte und Interessen vertreten kann. Nach diesem Modell ist auch die Grameen Bank gestrickt, die jedoch wegen mangelnder Transparenz wiederholt in die Kritik geraten ist.  Yunus, der im Jahr 2000 zum Direktor der Bank auf unbestimmte Zeit ernannt wurde, ist im Frühjahr 2011 von der Regierung Bangladeschs abgesetzt worden. Yunus gilt als Kritiker der Regierung, die argumentiert, die Zentralbank in der Hauptstadt Dhaka hätte dieser Ernennung niemals zugestimmt. Außerdem liege die Altersgrenze für den Posten gesetzlich bei 60 Jahren, Yunus ist bereits 70 Jahre alt. Laut Yunus eigener Aussage in der Tagesschau seien die Frauen, denen die Bank de facto gehöre, auf diese Weise entmachtet worden, das Projekt sei in Gefahr.

Weiter geht es in der kommenden Woche mit dem dritten und letzten Beitrag.