Bengalische Frauen, die Kundinnen bei der Grameen Bank sind, bei ihrer Arbeit: Dem Herstellen von Matten – Photo: Grameen Bank

Die Idee hält sich bis heute als eine der großen Hoffnungsträgerinnen in der Armutsbekämpfung, die Idee des Mikrokredites. Kleine Geldbeträge werden an eine Person oder eine kleine Gruppe von vorzugsweise Frauen verliehen, die das Kapital verwenden, um ein kleines Unternehmen aufzubauen: Durch den Kauf einer Nähmaschine, eines Spinnrades oder ähnlichem. Mit dem verdienten Geld zahlen die Frauen die Kreditraten, finanzieren sie die Ausbildung der Kinder und einen Teil sparen sie bei der Bank an, um spätere Anschaffungen aus eigener Kraft bezahlen zu können. Am besten gehört die Bank einer Genossenschaft, deren Mitglieder die Frauen sind. Bei uns im Blog wird es in drei Beiträgen um den Ansatz von Mikrokrediten und ihre Entwicklung gehen – und darum , was sich aus der Krise der Mikrofinanzindustrie lernen lässt.

Mikrokredite – eine Idee, die gleichermaßen einfach wie nachhaltig zu sein scheint. Doch seit geraumer Zeit gerät einer der Hauptverfechter dieser Idee, Muhammad Yunus aus Bangladesch, Friedensnobelpreisträger von 2006, in die Kritik. Überschuldete Dorffrauen melden sich zu Wort, die zum Teil schon seit Jahrzehnten einen Mikrokredit mit immer weiteren abbezahlen müssen. Frauen, die – anstatt einen Grundstock zum Leben aufzubauen -, alles verloren haben und auch ihre Kinder nie in die Schule schicken können.

Yunus geriet im Jahr 2010 in die Kritik, norwegische Entwicklungshilfegelder, wenn nicht veruntreut, so doch unlauter angelegt zu haben. Und die Armut in der Welt hat sich durch die Mikrofinanz bisher nirgendwo nachweislich reduzieren lassen. Wieso ist das so? Und hat nicht auch die internationale Politik längst versprochen, etwas gegen die Ungleichverteilung auf der Welt zu unternehmen?

Was auf dem Spiel steht

Natürlich, am 9. September 2000 verabschiedeten 189 von damals 193 Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen die acht Milleniums-Entwicklungsziele, die bis zum Jahr 2015 erreicht werden sollten:

1) die Beseitigung von extremer Armut und Hunger
2) die Verwirklichung der allgemeinen Grundschulbildung
3) die Förderung der Gleichstellung der Geschlechter und die Stärkung
   von Macht und Einfluss der Frauen
4) die Senkung der Kindersterblichkeit
5) die Verbesserung der Gesundheit von Müttern
6) die Bekämpfung von HIV/AIDS, Malaria und anderen Krankheiten
7) die Sicherung der ökologischen Nachhaltigkeit
8) den Aufbau einer weltweiten Entwicklungspartnerschaft

Doch was ist aus diesen Zielen geworden? Zwölf Jahre später leidet jeder siebte Mensch auf dem Globus an Hunger, die Zahl der extrem Armen sank zwischen 1990 und 2009 lediglich von 1,8 auf 1,4 Milliarden.

Es ist heute bereits klar, dass die Millenniumsziele bis 2015 nie und nimmer umgesetzt werden können. Das Scheitern oder das Stagnieren vieler guter Ansätze ist niederschmetternd, entsprechend war die Stimmung 20 Jahre nach Verabschiedung der Agenda 21 beim Weltgipfel Rio +20 im vergangenen Juni gedrückt. Doch warum in aller Welt, kann man sich fragen, ist ausgerechnet das so schlichte und transparente Modell der Mikrokredite bisher nicht erfolgreich?

Ein Blick, der sich lohnt

Die Antwort ist nicht ganz einfach, aber es lohnt sich, sie in den Blick zu nehmen, weil sie deutlich macht, wie eng die Begriffe Nachhaltigkeit und Ganzheitlichkeit zusammenhängen. Als Muhammad Yunus 1976 in Bangladesch begann, armen Frauen auf dem Lande kleine Geldbeträge zu leihen, lag die Gründung der Welthandelsorganisation (WTO) noch in ferner Zukunft. Protektionismus und Einfuhrbeschränkungen dominierten die Weltwirtschaft. Bemühungen zur nachhaltigen Wirtschaftsentwicklung in armen Ländern, der so genannten Dritten Welt, gab es in Form der so genannten Entwicklungshilfe der reichen Industrie-Nationen. Ein Begriff, der im Jahr 1961 mit der Gründung der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) geboren worden war.

Die klassische Kritik an der Entwicklungshilfe lautete, dass sie nichts an den Strukturen änderte, die zur wirtschaftlichen Armut der bedachten Staaten führten, sondern diese Länder nur noch abhängiger machte. Berühmt sind etwa die Reportagen über moderne Erntemaschinen und Traktoren in afrikanischen Ländern, in denen es an Treibstoff fehlte, diese in Betrieb zu nehmen. Die Idee von Muhammad Yunus, es den armen Menschen selbst zu ermöglichen, ihr Leben in die Hand zu nehmen und zu verbessern, schien der richtige Ansatz. „Empowerment“ ist der englische Begriff für die Mischung aus Unterstützung und Ermutigung, die Hilfe zur Selbsthilfe.

Weiter geht es mit Teil 2 morgen im hessnatur-Blog.