Was für ein wichtiges und umfangreiches Thema! Und was es nicht alles zu lernen gab. Gemeinsam mit Martin Curley von der Fair Wear Foundation, und Bettina Musiolek, Gründerin des Ostwind-Instituts für Unternehmerische Verantwortung und Gute Arbeit, die sich auch in der Kampagne für Saubere Kleidung (Clean Clothes Campaign) engagiert, haben sich Rolf Heimann, Leiter des Bereichs Corporate Responsibility bei hessnatur, und Michael Krause von der Unternehmenskommunikation vergangene Woche auf die Reise quer durch die Bundesrepublik begeben.

In den Städten München, Frankfurt am Main, Hamburg und Berlin hat das Kleeblatt jeweils Station gemacht, um interessierten Journalisten im Rahmen eines Medienworkshops einen Einblick zu geben, was es heißt verbindliche, verlässliche und nachweisbare Sozialstandards in der Textilindustrie einzuführen.

In Frankfurt im Öko-Haus stellte Rolf Heimann die Arbeitsweise von hessnatur vor, unter anderem das Bestreben des Butzbacher Labels, die Kernarbeitsnormen der Internationalen Arbeitsorganisation der Vereinten Nationen (ILO) in den Produktionsbetreiben einzuführen. Danach trat Martin Curley vor die Medienschaffenden und führt die Anwesenden in die Arbeit der Fair Wear Foundation ein.

Fairness ist ein jahrelanger Weg

Textilfirmen, die in die Fair Wear Foundation eintreten, begeben sich auf einen jahrelangen Weg, referiert Martin Curley. Um Sozialstandards in ihren Fertigungsstätten zu realisieren, müssen sie mit ihren Produzenten in Verhandlung treten, mit den Näherinnen außerhalb der Produktionsstätten sprechen, in der eigenen Firma Mitarbeiter schulen und, und, und… Das Problem ist, dass es für den erfolgreichen Prozess kein Siegel gibt, dass ein T-Shirt auszeichnet so wie etwa das Fair Trade Siegel Schokolade aus fair gehandeltem Kakao. Denn auf dem Weg zu sein, heißt noch lange nicht, dass man angekommen ist. Die Umsetzung von guten Arbeitsbedingungen, das wird deutlich, hat Prozesscharakter und muss mit Betriebskontrollen, aber auch mit Beschwerdesystemen und Trainings vor Ort nachgehalten werden. Und niemand möchte den Tag vor dem Abend loben. Das hat die Kollegen von der Welt und der FAZ, die schon den Leitfaden für Verbraucher im Hinterkopf hatten, mit den Stirnen runzeln lassen. Wie sollen sie ihren Lesern Hinweise geben?

Doch es sollte noch dicker kommen: Als Bettina Musiolek berichtet, wie schlecht es vielen Näherinnen in Mazedonien geht, die so wenig verdienen, dass sie morgens vor und abends nach der Arbeit noch Gemüse anbauen müssen, und dass sie nicht mit Journalisten reden wollen, um ihre prekäre Position nicht noch weiter zu gefährden, kommt im Seminarraum schon fast Verzweiflung auf. Was sollen wir denn überhaupt schreiben, lautet der Tenor. Deswegen wollen wir Ihnen ja erklären, wie komplex das System Textilindustrie ist, so die Vortragenden.

Ohne Fairness keine Nachhaltigkeit

Genau diese Diskussion, die Wahrnehmung der Diskrepanz, ist für beide Seiten sehr wertvoll. Während die Fair Wear Foundation und ihre Mitglieder alle Hände voll zu tun haben, Betriebe neu zu organisieren und Mitarbeiter zu schulen, sollten sie trotzdem ihre Außenwirkung nicht vernachlässigen. Sie werden noch mehr darüber nachdenken müssen, wie sie über die Medien die Verbraucher mitnehmen können. Gerade wenn Produktsiegel nicht das geeignete Mittel sind, das Maß an umgesetzten Sozialstandards in den Produktionsstätten zu bewerten.

Und die Journalisten müssen bereit sein, mitzudenken, umzudenken und weiterzudenken. Denn darum geht es bei der Einführung von Sozialstandards in der Textilindustrie. Zugegeben, das ist das etwas andere Verbraucherthema. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass zum Dreieck der Nachhaltigkeit neben Ökologie (Ist mein T-Shirt bio?) und Wirtschaftlichkeit (Wie verkaufen wir Bio-T-Shirts?) eben auch das Soziale (Wie geht es denjenigen, die die Bio-T-Shirts nähen müssen?) gehört. Umweltschutz und eine florierende Wirtschaft wird es auf Dauer nicht erfolgreich geben ohne faire Arbeitsplätze. Ich muss sagen, ich bin schon mächtig gespannt auf den nächsten Journalisten-Workshop zu diesem Thema.