„Capvis neuer Eigentümer von hessnatur“,  „Langjähriger Geschäftsführer verlässt das Unternehmen“, „Wie passen ein Finanzinvestor und Nachhaltigkeit überhaupt zusammen?“ , „Warum verklagt hessnatur seine Kunden?“ – das hat uns bei hessnatur als auch viele unserer Kunden in den vergangenen Wochen und Monaten beschäftigt.

Am Freitag haben sich der Blogger Paul Bögle aus Wien, hessnatur-Kunde Holger Nick aus dem Hunsrück und eine langjährige hessnatur-Kundin aus Hannover (die auf eigenen Wunsch im Internet nicht namentlich genannt werden möchte) auf Einladung von hessnatur-Geschäftsführer Marc Sommer in Butzbach getroffen. Was eint die drei? Sie alle haben im Internet und mit Schreiben an uns ihre Kritik am Eigentümerwechsel geäußert und sich verunsichert darüber gezeigt, wie es mit „ihrem“ Naturmodeanbieter zukünftig weitergeht. Stellvertretend für viele Rückmeldungen und Kundenstimmen wollte sich die Geschäftsleitung mit ihnen persönlich austauschen – als Auftakt für weitere persönliche Treffen. Am runden Tisch dabei waren außerdem Martin Hess, Sohn von Unternehmensgründer Heinz Hess, Rolf Heimann, Leiter Corporate Responsibility bei hessnatur und Ricarda Demarmels vom neuen Eigentümer Capvis, der von Drazen Odak moderiert wurde.

„Irgendwas stimmt nicht bei hessnatur“

Von Kundenseite wurde kritisiert, dass sich in den vergangenen Monaten der Eindruck verfestigt habe, dass „irgendwas bei hessnatur nicht stimmt“. Man sei verunsichert, da seitens hessnatur und Capvis die Informationen über den Unternehmenskauf und die Trennung vom langjährigen Geschäftsführer Wolf Lüdge nur spärlich geflossen seien. „Es war zunächst wichtig, dass im Unternehmen Ruhe einkehrt und wir uns dann an die Kunden wenden“, so hessnatur-Geschäftsführer Marc Sommer. „Unsere Mitarbeiter sollten nicht wichtige Informationen aus der Presse oder Blogs erfahren, sondern direkt vom Eigentümer und der Geschäftsleitung. Nachdem jetzt die Situation mit unserer Belegschaft geklärt ist, wenden wir uns an unsere Kunden.“ Das „Beben in der Mitarbeiterschaft“ als Reaktion auf das  Ausscheiden von Wolf Lüdge  hätte man gerne verhindert, so Ricarda Demarmels. Der Wechsel in der Geschäftsleitung sei nicht geplant gewesen. Wenn der Weggang von Wolf Lüdge ein „nicht gewollter Weg“ gewesen sei, brachte hessnatur-Kunde Holger Nick ein, dann müsse das auch entsprechend von Capvis kommentiert und nicht erst von Kunden erfragt werden. Was die Gründe für Lüdges Weggang angehe, so bat Demarmels um Verständnis, dass diese eine private und vertrauliche Sache zwischen Wolf Lüdge und dem Gesellschafter sei.

Rolf Heimann, der bei hessnatur den Bereich Corporate Responsibility leitet, bekräftigte, dass der Weggang von Wolf Lüdge geschmerzt habe. Nach vielen Gesprächen mit Capvis habe man mittlerweile Vertrauen gefasst, sich mit dem neuen Eigentümer  vereinbart und den Fokus auf die Stärken von hessnatur gesetzt. „Wir Mitarbeiter sind bereits einen Schritt weiter, wollen unsere Arbeit machen und können mit der neuen Situation umgehen. Was die Störfeuer von außen angeht, so sind wir ziemlich wütend darauf“, so Heimann. „hessnatur hat den Eigentümer gewechselt, aber dabei keinesfalls seine Ideale verkauft.“ Holger Nick und Paul Bögle hätten sich gewünscht, diese Aussage in den letzten Wochen direkt von den Mitarbeitern z.B. im Blog zu hören, da  ein anderer Eindruck entstanden sei.

Philosophie wird nicht in Frage gestellt

Ricarda Demarmels von Capvis bekräftigte, dass der Eigentümer  keine Abstriche an der Philosophie von hessnatur und den öko-sozialen Standards vornehmen werde: „Das ist der Kern und der Wert des Unternehmens, diesen Kern wollen wir bewahren und auf dieser Basis das Unternehmen in seiner Pionierrolle stärken. Wenn wir hier Abstriche machen würden, würden wir uns ja selber schaden. Dass wir hessnatur in den kommenden Jahren wachsen sehen dürfen, ist ein absolutes Privileg für uns.“ Eine wichtige Wächter-Funktion werde hierbei auch der Beirat von hessnatur übernehmen, dem dm-Gründer Prof. Götz W. Werner vorstehe. Um die Transparenz gegenüber der Community  zu erhöhen,  werde man durch diese in Kürze schon einen Kundenrat wählen lassen,  der die Geschäfte von hessnatur aus eigener Perspektive beobachten und bewerten könne.  Rolf Heimann berichtete, dass die Philosophie von hessnatur und die Vorreiterrolle auch von der internationalen Textilbranche als „herausragend und transparent“ eingeschätzt würden. Man werde auch in den kommenden Jahren ein „First Mover“ sein und dem Wertekern treu bleiben. Das schließe auch den sensiblen Umgang der Kundendaten ein, was von der hessnatur-Kundin aus Hannover hinterfragt wurde: Die Daten der hessnatur-Kunden würden nicht weitergegeben oder anderweitig genutzt, so Heimann.

Wie passen ein Finanzinvestor und Nachhaltigkeit zusammen?

Kritisch diskutiert wurde auch die Frage, wie ein Finanzinvestor und Nachhaltigkeit überhaupt zusammen passen würden. Ricarda Demarmels bekräftigte, dass dies kein Widerspruch sei und Capvis für hessnatur ein guter Eigentümer sei. „Wie bei einem Baby spielt es keine Rolle, wer Mutter oder Vater ist – entscheidend ist: Die Person muss immer im besten Interesse des Kindes handeln, wenn sie Verantwortung übernimmt. Sie muss Möglichkeiten und Mittel zur Verfügung stellen und Zeit und Herzblut für seine Entwicklung mitbringen. Das tun wir.“ Wenn Marc Sommer davon spreche, dass hessnatur unter dem neuen Eigentümer handlungsfähiger und unabhängiger als im ehemaligen Konzernumfeld sei, wie passe dass dann mit den Vorgaben wie  Wachstum und Steigerung des Kundenkreises von Capvis zusammen, die Blogger Paul Bögle aus dem hessnatur-Blog zitierte. Das sei ein „sicherer Rahmen“ für hessnatur, entgegnete Sommer.  Capvis habe den Kauf komplett aus Eigenkapital realisiert und stelle Investitionsmittel für den Wachstumskurs zur Verfügung. Wenn beispielsweise ein anderer Versandhändler hessnatur gekauft hätte, hätten Funktion wie Logistik, Kundenbetreuung etc. zusammengelegt werden können, um Synergien zu nutzen und um zu sparen. Dieses Risiko bestehe bei Capvis nicht. Martin Hess, Sohn von Unternehmensgründer Heinz Hess, erklärte, dass sein Vater in den 1990er Jahren Schwierigkeiten gehabt habe, Fremdkapital von den Banken zu bekommen. Wegen finanzieller Abhängigkeiten habe er hessnatur an Neckermann verkaufen müssen. Die Zusammenarbeit der Genossenschaft hnGeno, die hessnatur erwerben wollte, mit der GENO EQUITY bewertete Hess kritisch, da der Kauf mit Fremdkapital hätte finanziert werden müssen, was das Unternehmen belastet hätte. Marc Sommer schloss an, die hnGeno sei ursprünglich mit einer guten Idee gestartet, hätte sich aber spätestens mit der Ankündigung eines potenziellen Konkurrenzunternehmens disqualifiziert, auch gegenüber der Mitarbeiterschaft von hessnatur.

Warum verklagt hessnatur kritische Kunden?     

Paul Bögle wollte wissen, warum hessnatur seine Kunden verklage und gegen diese juristisch vorgehe. Man verklage keine Kunden und wende sich auch nicht gegen kritische Kommentare, sondern  hätte sich gegen Fehlinformationen der  Betreiber der Konsumenten-Standpunkte gewandt. Konstruktive Kritik sei erwünscht, betonte Sommer und verwies auf die kritischen Kommentare der Gäste und übrigen Kunden im hessnatur-Blog. Gegen Falschaussagen, die bewusst Verunsicherung schaffen möchten und dem Unternehmen hessnatur und den Mitarbeitern letztlich schaden, müsse man sich zur Wehr setzen. Man hätte die Plattformbetreiber in einem ersten Schritt ersucht, diese falschen Aussagen zu unterlassen, nachdem diese  jedoch weiter behauptet hätten, ihre Aussagen seien wahr, hätte man sich im zweiten Schritt für eine einstweilige Verfügung entschieden– auch das Landgericht Frankfurt sei zu der vorläufigen Ansicht gekommen, dass die Behauptungen zu unterlassen sind.

Forderung nach Transparenz und Dialog

Wie eng die Bindung der Community zu hessnatur ist, brachte Holger Nick zum Ausdruck, der die Kunden als elementaren Teil des Unternehmens sieht. Transparenz und Dialog seien wichtig, um die Authentizität von hessnatur zu stärken. Er erhoffe sich auch von hessnatur-Mitarbeitern im Blog ein persönliches Statement zur aktuellen Situation, so Nick. Martin Hess schloss an, dass hessnatur wieder mit seinen Kunden zusammenkommen solle, allen würde hessnatur schließlich am Herzen liegen: „Das Familiengefühl muss wieder her.“ Marc Sommer appellierte zum Abschluss des runden Tischs: „Sagen Sie uns, was aus Kundensicht wichtig ist. Messen Sie uns an unseren Taten, beobachten Sie uns kritisch und  begleiten Sie uns konstruktiv!“