Einmal im Jahr lädt die holländische Fair Wear Foundation (FWF) zu ihrer Mitgliederversammlung nach Amsterdam ein, dem so genannten „Members‘ Day„. Die Anzahl der Mitglieder der Fair Wear Foundation, die sich mit ihrer Mitgliedschaft für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie einsetzen, wächst von Jahr zu Jahr – gut so! Erica van Doorn, Geschäftsführerin der Fair Wear Foundation, kann rund 80 Vertreter der 65 Mitgliedsunternehmen begrüßen. Die ersten Firmen sind seit 2004 bei der FWF dabei, hessnatur wurde 2005 erstes deutsches Mitglied.

Im Mittelpunkt des diesjährigen Mitgliedertreffens stehen Löhne in der Textilproduktion. Der erste Vortrag ist von Ashim Roy aus Indien, der für die Organisation Asia Floor Wage arbeitet. Diese hat einen Ansatz entwickelt, um existenzsichernde Löhne für asiatische Länder zu berechnen. Die Grundlage: Wie viele Kalorien benötigt ein Mensch in welchem Land am Tag? Diese Anzahl wird dann entsprechend auf die Kosten für die benötigten Lebensmittel umgelegt. Dazu werden noch Kosten beispielsweise für Miete, Transport und Gesundheit gerechnet. Das Ergebnis dieser Kalkulation spiegelt wider, welchen Lohn ein Mitarbeiter bekommen müsste, um seine Existenz sichern zu können. Der Ansatz von rund 3000 Kalorien für einen Erwachsenen am Tag wird kontrovers von den FWF-Mitgliedern diskutiert – ein Argument ist, dass der Bedarf an Kalorien zu hoch angesetzt ist.

Auf der anderen Seite gibt es aber auch keine wirklich flächendeckend gesicherten Informationen hinsichtlich der Lebensumstände von Arbeitern in asiatischen Produktionsländern (die ja als das Zentrum der weltweiten Textilherstellung gelten). Insofern ist der Asia Floor Wage zumindest mal ein Ansatz, um gerechte Löhne mit Produktionsbetrieben und Handelsvereinigungen zu diskutieren und für eine Lohnsteigerung einzutreten.

Dass in den vergangenen Monaten in Produktionsländern wie China oder Bangladesch das Thema Löhne auf die Agenda gekommen ist, rührt nicht etwa daher, dass sich die Abnehmer der Produkte für eine Lohnsteigerung einsetzen, sondern kommt von den Arbeitern selbst: In Bangladesch demonstrieren erneut Näherinnen und Näher für bessere Arbeitsbedingungen und mehr Lohn. Und in China haben Selbstmorde bei einem Produktionsbetrieb für Telefone auch die Regierung zum Umdenken bewegt. Wie die Deutsche Welle jüngst dazu berichtete, wurde in China eine Erhöhung des Mindestlohns um 13 Prozent pro Jahr beschlossen, Firmen an der Ostküste Chinas in den Industriezonen würden sogar noch mehr zahlen wollen. Das geht einher mit der Prognose, dass die Zeiten von Billig-Textilien vor allem aus China bald vorbei sein könnten – und man für eine Jeans vom Discounter dann ein paar Euro mehr zahlen müsse, „25 statt 19 Euro“, wie es bei der Deutschen Welle heißt. Ein zweiter Effekt könnte dabei sein, dass Produzenten ihre Herstellung von China in asiatische Länder wie Kambodscha, Laos oder Burma verlagern, wo vergleichsweise noch günstiger produziert werden kann. Letzten Endes wird dann auch hier wieder der Verbraucher und die oft zitierte „Politik mit dem Geldbeutel“ entscheiden. Denn diese greift leider nicht nur bei nachhaltigem Konsum, sondern bei vielen Konsumenten eben auch beim günstigsten Preis.

Ein Beispiel aus einem der Workshops fand ich spannend: Wenn ein ganz normales T-Shirt, beispielsweise in Kambodscha hergestellt, für den Endverbraucher um 30 Euro-Cent teurer wird, bekommen die an der Produktion beteiligten Näherinnen und Näher existenzsichernenden Lohn gezahlt. Klar ist die Herausforderung dabei: dafür zu sorgen, dass dieser Betrag auch direkt bei der Arbeiterschaft ankommt. Und: 30 Euro-Cent mehr für ein T-Shirt – dafür sollten wir doch bereit sein.