Kinderarbeit…das Wort schwebt wie ein Damoklesschwert über der Textilindustrie. Jeder ist offiziell dagegen, viele jedoch inoffiziell sehr tolerant und nur einige wenige bemühen sich ernsthaft um Lösungsansätze. Dass Letzteres nicht immer einfach ist, zeigt die Geschichte der 14 jährigen Aylin*.

Getroffen hat Sie meine Kollegin Stefanie Karl, bei einem Ihrer Kontrollbesuche in der Türkei Ende letzten Jahres. Das Mädchen arbeitete dort in einer Näherei, mit der wir eine Zusammenarbeit planten. Mit 14 Jahren war Aylin zu jung zum Arbeiten und damit ein klarer Fall von Kinderarbeit. Wir haben reagiert…heute geht Aylin immer noch nicht zur Schule und arbeitet in einer anderen Näherei. Was ist schief gegangen?

Unser Angebot, Aylin den Besuch einer Textilschule in Nähe des Betriebs zu ermöglichen, inklusive der Weiterzahlung Ihres Lohns, Sozialversicherung und Aussicht auf einen festen Arbeitsplatz in der besagten Näherei, scheiterte letztendlich am Veto des Vaters. Unvorstellbar für mich die Vorstellung, dass ein Vater seinem Kind eine solche Chance verweigern kann. Eine Alternative, die der Familie weiterhin das sicherlich dringend benötigte Einkommen gesichert und der Tochter eine vielversprechende Zukunft geboten hätte.

Aber auch scheinbar optimale Lösungsansätze scheitern mitunter an der Realität, erst recht, wenn verschiedene Kulturen aufeinander treffen. Diese schmerzlich Erfahrung mussten wir bei Aylin machen, die wir letztendlich nicht weiter beschäftigen und endgültig nach Hause schicken mussten.

Zurück bleibt die deprimierende Erkenntnis, dass unsere Textilien zwar nicht von Kinderhand genäht werden, wir aber dem 14jährigen Mädchen aus der Türkei nicht weiterhelfen konnten. Der Weg zu einer in jedem Sinne (sozial)gerechten Produktion ist also für hessnatur noch nicht erreicht.

* Fiktiver Name