Kann man Stille hören?

Warum gibt es bei uns in der Warteschleife „nur Stille“ zu hören? Macht uns Stille Angst? Was soll diese permanente Beschallung und Berieselung? Halten wir das Leben ohne Hintergrundgeräusche nicht mehr aus? Fragen über Fragen, die durch einen Kundenbrief aufgeworfen wurden. Ein Kunde schrieb uns diese Woche dazu, dass er gerne bei uns am Telefon bestellt, weil er unsere Warteschleife mit der Stille so angenehm findet und weil er die Musik, die aller Ortens eingeschaltet wird, unerträglich findet und man inzwischen kaum Möglichkeiten hat, sich dem zu entziehen.

Wir haben uns entschieden, unseren Kunden Stille in der Warteschleife anzubieten. Nicht, weil wir keine zu hessnatur passende Musik gefunden hätten, sondern als bewusste Entscheidung, quasi als Sinnespflege. Ein Resultat aus einer Seminarreihe „Ökologie der Sinne“, die wir Ende der 90er Jahre hier im Haus durchgeführt haben. Bei diesen Seminaren haben wir die zwölf Sinne aus der Sinneslehre von Rudolf Steiner kennen gelernt. Wir haben die Sinne sowohl vom medizinischen Standpunkt betrachtet, Sinneserfahrungen durch Übungen und Kunst gemacht und letztendlich den Transfer ins Unternehmen hergestellt, z B. Tast- und Geruchssinn – Versandpakete unterschiedlicher Versender mit verbundenen Augen ausgepackt und untersucht, was wir angenehm finden. So hat sich das entwickelt.

Da wir uns der Wahrnehmung des Hörens kaum entziehen können, nutzt „modernes Marketing“ unter anderem diesen Weg, den Menschen unbewusst zu beeinflussen. So werden Musik oder Düfte gezielt eingesetzt, um das Unterbewusstsein der Kunden zu erreichen und (Kauf-) Reize auszulösen. Vielleicht führt es ja bei vielen Menschen dazu. Ich wehre mich gegen diese Form der Beeinflussung und finde es höchst fragwürdig. Was ist das denn für eine Kultur des Hörens? Da wir dann noch zusätzlich selbst bewusst Musik hören und auch die Geräuschbelastung in der Umwelt und bei der Arbeit sehr hoch sein können, sind wir dieser Reizüberflutung permanent ausgesetzt. Gesund ist dies für uns und im Speziellen auch für unsere Kinder nicht. Unnötiger Stress, der hier an vielen Orten verursacht wird. Also, immer mal wieder für Stille sorgen und wieder lernen, bewusster zu hören.

Noch eine kleine Anregung dazu und ich würde mich freuen, Eure Meinung dazu zu hören.

Schwache Reize wirken auslösend. Mäßige Reize entwickeln.
Starke Reize hemmen. Überstarke zerstören. Hugo Kükelhaus

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Kommentare
  • satyasingh ,

    ich finde es schön, dass ihr stille anbietet.
    den stille ist nicht nichts. stille ist stille.

    marketing wirkt über die sinne auf unser gehirn und soll über assoziationen handlungsmuster ansprechen. reize über den hörsinn oder geruchssinn zu senden ist, meiner meinung nach, nichts anderes als reize über geschmack, fühlen oder sehen zu senden. man kann die art, intensität oder häufigkeit grundsätzlich befürworten oder verteufeln. aber die ansprache der zielgruppe über düfte oder geräusche ist einer ansprache über bilder gleichzusetzen.

    Über Euren Katalog sprecht ihr die Zielgruppe mit Bildern an. Was ist das für eine Kultur des Sehens? Das ist genauso ok wie über die Ohren.

    Antworten
  • Dagmar(hessnatur) ,

    Es geht doch um die unterschwelligen Reize, die, die uns un- und unterbewusst „untergejubelt“ werden. Davon gibt es ja unglaublich viele. Wenn ich nur meine Kinder sehe, die mit so viel mehr Reizen bombardiert werden als ich in dieser Zeit. Damals gab es noch ein Testbild von nachts um 2 bis nachmittags um 4, drei programme vielleicht vier waren dann zu sehen. Dazu PCs, Internet und Handys. Werbebotschaften übers Handy, ständige Erreichbarkeit, sms-Texte, die bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt heute schon eine eigene Sprache darstellen. Ja, der Mensch ist erfindersich – in jeder Hinsicht. Nur – ob das alles zuträglich und gesund ist, möchte ich doch in Frage stellen.
    Da ist es doch erstaunlich, dass heute ein Kunde uns ein Lob gibt für Räume, die Ruhe bieten! Stille in der Zeit, die es nur zu überbrücken gilt. Die Wartezeit, bis mein Gesprächspartner Zeit hat, an den Hörer zu gehen, ist für viele vertane Zeit. Sie muss irgendwie überbrückt, genutzt werden. Eingehüllt von sinnentleerten Musikfetzen in Endlosschleifen. Wie erholsam, sich dagegen entscheiden zu können. Und wie dankbar der Mensch, der diesen Moment für sich nutzen kann. Die Stille als Gut und nicht als Notlösung, nicht als übersehene Insel, die bald mit Werbebannern für alle Sinne genutzt werden könnte.

    Meditationsgruppen haben heute enormen Zulauf. Warum denn? Weil die Menschen Bedürfnisse haben? Nach Stille vielleicht? Nach dem Nichts. Um sie wieder einmal hören zu können. Was? Die eigene Stimme.
    Dank Dir Silvia, für diesen Artikel.

    Antworten
  • Susanne ,

    Ich habe vor vier Jahren meinen Fernseher und auch mein Handy abgeschafft, weil ich merkte, dass ich meine wahre Handlungsfreiheit bezüglich der Nutzung dieser Geräte verloren hatte. Das trüglichste ist der Glaube an die „Notwendigkeit“ von Dingen, die einem scheinbar das Leben erleichtern. Aber was für ein Leben erleichtern sie denn? Wie Dagmar schon sagte, das Leben, welches unsere Sinne überreizt, vernebelt und bis zum Burnout be- und überlastet. Ein Leben voller Leistungsdruck und unnatürlich dargestellten „Lebensvorbildern“, die vor allem von Kindern und Jugendlichen ungefragt nachgeahmt werden. Sie sind wahrlich die Leidtragenden dieser Gesellschaft, in der der Wunsch nach Ruhe und Stille noch immer als Versagen und nicht Mithalten können deklariert wird und Menschen deshalb ausgegerenzt werden, wenn sie ihren natürlichen Bedürfnissen folgen. Erwachsene, Eltern und Lehrer befinden sich oft in dem gleichen Dilemma und sind gar nicht in der Lage, ihren Kindern den nötigen Schutz und Rahmen zu bieten. Ich sollte ein Kochprojekt an einer Grundschule organisieren, aber die Schulleitung teilte mir letztlich mit, dass die Schule intern schon so viele andere Aktivitäten anbiete, dass die Eltern sowieso nur noch damit beschäftigt wären, ihre Kinder von einem Termin zum nächsten zu fahren. Die Kinder wollen das so! Wer sorgt da eigentlich für wen? Schade, dass der Nahrungszubereitung und Aufnahme in einer schönen und ruhigen Atmosphäre gerade in den Schulen noch so wenig Aufmerksamkeit entgegengebracht wird. Auch ich danke für den wachen Beitrag!

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