Im Jahr 2006 entwickelte die Deutsche Welthungerhilfe gemeinsam mit dem Internationalen Forschungsinstitut für Agrar- und Ernährungspolitik in Washington den Welthunger-Index (WHI) . Er erfasst unterschiedliche Aspekte von Hunger und Unterernährung und macht das Problem auf diese Weise messbar. Das Ergebnis: Jeder siebte Mensch auf diesem Planeten hungert. Das waren im Jahr 2006 849 Millionen und heute – sieben Jahre später – bereits 925 Millionen Menschen in schrecklicher Not.

Laut WHI 2007 hatte der Hunger bereits damals in 36 Ländern alarmierende Ausmaße angenommen. 25 von ihnen liegen in Afrika südlich der Sahara, neun in Asien und je eins im Nahen Osten und Lateinamerika. Spitzenreiter der traurigen Rangliste sind Burundi und die Demokratische Republik Kongo, die immer noch an den Folgen bewaffneter Konflikte leiden. Mit der Unterzeichnung der UN-Millenniumserklärung im Jahr 2000 haben sich 189 Staaten verpflichtet, bis 2015 acht Ziele zu erreichen. Sie wollen unter anderem Hunger und Armut der Bevölkerung halbieren und die Kindersterblichkeit senken. Aber in Subsahara Afrika ließ sich anhand der Untersuchung ablesen, dass nur sechs dieser Staaten das Millenniumsziel erreichen würden, wenn der Trend anhielte.

Als Ursachen für Hunger und Mangelernährung macht der WHI bewaffnete Konflikte, Aids, Naturkatastrophen als Folge des Klimawandels und die Benachteiligung von Frauen aus. Kinder unterernährter Mütter kommen meist mit Untergewicht zur Welt.

Warum sind die einen dick, während die anderen hungern?

Doch einen weiteren, wesentlichen Faktor übersah die Studie damals: Es sind die Folgen der Industrialisierung der Landwirtschaft. Die Autorin Tanja Busse hat in ihrem Buch „Die Ernährungsdiktatur“ hingewiesen  auf das paradoxe Problem der Ernährung in unserer Zeit. Denn während die Weltgesundheitsorganisation errechnet hat, dass mehr als 1,6 Milliarde Menschen Übergewicht haben, weil sie zu viel und ungesund, nämlich Fast Food und Fertignahrung, essen, leidet fast eine Milliarde Menschen am Gegenteil, zu wenig Essen.

Als Grund hierfür nennt sie die gewissenlose Politik der Weltwirtschaft, der international agierenden Banken und Agrarkonzerne. Sie beuten in armen Ländern rücksichtslos Ackerböden und Arbeitskräfte aus, spekulieren an der Börse mit Lebensmitteln und tischen in den Industrieländern den Menschen denaturierte, ungesunde Nahrung zu Dumpingpreisen auf, die sie mithilfe  ihrer Vormachtstellung auf dem Markt durchsetzen.

Die indische Globalisierungskritikerin Arundhati Roy, bezeichnet diesen Teufelskreis Corporate Globalization, die Globalisierung der Großkonzerne. Und Jean Ziegler, der von  2000 bis 2008 der UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung sowie Mitglied der UN-Task Force für humanitäre Hilfe im Irak war, hat den Satz geprägt: „Jedes Kind, das an Hunger stirbt, wird ermordet.“ Sie alle, Tanja Busse, Arundhati Roy und Jean Ziegler prangern die Riesenkonzerne, die mithilfe der Banken Vormachtsstellungen erlangt haben und die Menschen in ihre Abhängigkeit gebracht haben – dort die Bauern, hier die Konsumenten.

Tanja Busse schreibt ebenso aufrüttelnd wie anschaulich in einer Ausgabe der Zeitschrift Schrot & Korn:Die Agrar- und Ernährungsindustrie ist natürlich längst ebenso globalisiert wie der Rest der Wirtschaft. Das bedeutet: Der Hunger ist Teil des Systems, von dem wir profitieren. Wir essen den Hungernden den Teller leer. In unseren Lebensmitteln steckt – verarbeitet – das Öl der nigerianischen Erde, die abgeholzten Riesenbäume des brasilianischen Regenwaldes, das Kohlendioxid von tausenden und abertausenden Transportkilometern, das Leid von eingepferchten Turbomast-Tieren und ausgemolkenen Hochleistungskühen. Darin stecken auch der Hunger der von ihren Feldern vertriebenen Kleinbauern in Guatemala, die schlecht bezahlte Arbeitskraft von Plantagenarbeitern in Kenia, die Tränen der verschleppten Kinder auf afrikanischen Kakaoplantagen.“

Noch Fragen? Wir müssen heute lernen, dass – wenn wir uns als Konsumenten weiterhin dem Diktat der globalisierten Lebensmittelindustrie beugen -, wir zu Beihelfern bei diesem Massenmord namens Hunger werden. Das ist die traurige Wahrheit.

Lesen Sie im Blogpost nächste Woche weiter, warum Fast Food nicht so schnell auf den Tisch beziehungsweise in den Magen kommt, wie es auf den ersten Blick scheint.