„Wir brauchen große Worte“, sagt Thomas Seibert von der Hilfsorganisation medico international. „Wir brauchen kleine Schritte“, sagt Kristin Heckmann von hessnatur. Die Rede ist davon, wie man in der Textilindustrie die Arbeitsbedingungen für die Näherinnen in so genannten Billiglohnländern verbessern kann. Zu der Diskussion „Faire Kleidung. Wer zahlt für billige Klamotten?“ im Café Odyssee im Nordend hatten die Grünen in Frankfurt eingeladen. Auf dem Podium sitzen die Grüne Landesvorsitzende Kordula Schulz-Asche, Kristin Heckmann vom Bereich Corporate Responsibility bei hessnatur und Gerd Palmer, ein Meinungsforscher, der gemeinsam mit seiner Frau in Frankfurt das Geschäft Organicc eröffnet hat. Dort gibt es fair und ökologisch produzierte Kleidung zu kaufen.

Historische Wende?

Mehr als acht Monate sind vergangen seit dem Großbrand in einer Textilfabrik in Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesch. 100 Menschen starben am 24. November 2012, weil sich Textilfasern auf ungesicherten Stromleitungen entzündet hatten. Einen entsprechenden Brandschutz hatte es nicht gegeben. Auf den Tag genau fünf Monate später, am 24. April 2013, stürzte in Bangladesch in der Stadt Savar ein neunstöckiges Hochhaus ein und begrub Tausende Näherinnen unter sich. 1127 Tote und 2500 Verletzte forderte das Unglück.

Die Katastrophe war so verheerend, dass sie in Bangladesch, das stark von der Textilindustrie abhängt und ein berüchtigtes Billiglohnland ist, im ganzen Land Proteste hervorrief. In der Folge verpflichteten sich weltweit 70 Textilfirmen – dazu gehört auch hessnatur – auf ein Abkommen für Gebäudesicherung und Brandschutz in Bangladesch. Getragen wird die Initiative von der Kampagne für Saubere Kleidung, die das Abkommen als eine historische Wende für die Textilindustrie in Bangaldesch hält. Das Abkommen ist ein verbindlicher Vertrag zwischen den Textilunternehmen, lokalen Gewerkschaften und Nicht-Regierungsorganisationen.

Bestimmen Dumpingpreise die Textilindustrie?

Thomas Seibert von medico international, der im Publikum saß, äußerte sich kritisch dazu: „ Wir halten das Abkommen für völlig unzureichend und schlecht“, erklärte er den Besuchern. Denn die Produktionsfirmen, die durch das Abkommen in die Pflicht genommen würden, wären nur verpflichtet, fünf weitere Jahre in Bangaladesch zu produzieren, danach könnten sie das Land einfach verlassen. „Wir beobachten jetzt schon, dass viele Firmen nach Myanmar abwandern, wo sie zu ihren gewohnten Bedingungen produzieren können“, so Seibert. Man müsste anfangen laut darüber zu reden, dass freier Handel und freie Wirtschaft dazu führten, dass Dumpingpreise die Textilindustrie bestimmten und dass die Firmen durch ihr Geschäftsgebaren den Tod der Arbeiter in Kauf nehmen würden.

Seiberts Ausführungen standen die Erfahrungen von hessnatur und Organicc gegenüber, die für Fairness und langfristige Erfolge stehen. Kristin Heckmann von hessnatur beschrieb, wie hessnatur geeignete Lieferanten auswählt, Trainings zur Bewusstseinsbildung für faire Arbeitsbedingungen durchführt, mit Hilfe von firmeninternen Screenings, Audits und der Kontrolle der unabhängigen Fair Wear Foundation aus den Niederlanden gute Arbeitsbedingungen in den Produktionsstätten einrichtet und nachhält. Gerd Palmer berichtete, dass sein Geschäft nicht groß genug sei, um eine Abteilung zu beschäftigen, die Produktionsbedingungen in den Fokus nimmt. Dafür kenne er aber seine Produzenten, meist kleine Firmen, persönlich und könne so für die Unbedenklichkeit der von ihm angebotenen Kleidung garantieren.

Kordula Schulz-Asche von den Grünen fügte hinzu, dass es an der Zeit sei, entsprechende Gesetze zu erlassen, die von Textilherstellern Transparenz entlang der Textilen Kette und Verantwortung für ihre Produktionsbedingungen forderten. Nebenbei bemerkte sie natürlich in Hinblick auf die kommenden Wahlen, dass für solche Gesetze die entsprechenden Mehrheiten in den Parlamenten nötig sei. Im Publikum entspannte sich eine spannende Diskussion über Schnäppchenmentalität, Vorstellungen von Mode und „Angesagt-Sein“ in der Gesellschaft. Große Worte in der Politik und in den Medien und kleine Schritte im Alltag der Menschen braucht es, um die komplexen Probleme in der Textilindustrie zu lösen und eine faire Produktion zu verwirklichen. Das war in dieser Diskussion das A und O.