In der vorigen Woche hatten wir von der aufsehenerregenden Studie der US-amerikanischen Stanford University zum Vergleich von Bio-Lebensmitteln und konventionellen berichtet. Die Wissenschaftler um Dena M. Bravata hatten  223 Untersuchungen ausgewählt, die entweder den Nährstoffgehalt oder die Belastung mit Bakterien, Pilzen oder Pestiziden von konventionellen und Bio-Lebensmitteln miteinander verglichen. 17 Studien betrachteten Gruppen, die sich biologisch oder herkömmlich ernährten. Eine Langzeitstudie, die sich mit den gesundheitlichen Auswirkungen der Ernährungsweisen beschäftigt, war aber nicht darunter. Die Untersuchungszeiträume betrugen zwei Tage bis zwei Jahre.

Die Ergebnisse zeigten keinen wirklichen Gesundheitsvorteil für die Bio-Lebensmittel: Der Vitamingehalt unterschied sich den Forschern zufolge kaum, Fette und Proteine waren ähnlich verteilt. Krankheitserreger kamen in keiner der beiden Gruppen häufiger vor. Auch besonders gesunde Bio-Früchte oder Bio-Gemüse konnten die Wissenschaftler nicht ausmachen.

Kirsten Brandt meldet sich zu Wort

Doch dann meldete sich Kirsten Brandt von der Newcastle University School for Agriculture, Food and Rural Development in der Onlinezeitung Huffington Post zu Wort: Die studierte Biochemikerin und Expertin für Zusammenhänge zwischen Lebensmittelqualität, Gesundheit und Anbaumethoden wunderte sich, wie die Ergebnisse der Stanford Studie so eklatant von denjenigen abweichen konnten, die sie selbst wenige Monate zuvor in einer eigenen Studie veröffentlicht hatte.

Die Wissenschaftlerin war erstaunt, dass die Kollegen aus Stanford keine Unterschiede im Gesamtgehalt der Flavanole bei konventionellem und biologischem Obst und Gemüse feststellen konnten. Bei näherer Betrachtung stellte sie fest, dass den Kollegen ein verhängnisvoller Schreibfehler unterlaufen war. Bei den untersuchten Pflanzenwirkstoffen hatte es sich in der Stanford-Studie um Flavonole gehandelt.  Andere pflanzliche Nährstoffe, deren Gehalt in Bio-Lebensmitteln viel größer ist als in konventionellen, hatte die Studie überhaupt nicht in Betracht gezogen.

Millionen Dollar von der Agrarindustrie

In der Folge kam heraus, dass es sich bei den Wissenschaftlern aus Stanford um Ärzte gehandelt hatte, nicht um Lebensmittelexperten. Der Statistiker der Gruppe, Ingram Olkin, arbeitete Ende der siebziger Jahre für die Tabak-Industrie, die wissenschaftliche Untersuchungen über die gesundheitsschädliche Wirkung von Tabak „widerlegen“ wollte. Ein Zufall?

Vielleicht genauso ein Zufall wie die Tatsache, dass der Agrarriese Cargill, der auch Gentechnik befürwortet, der Stanford Universität seit 25 Jahren innig verbunden ist. Für das Programm Food Security and Environment, Lebensmittelsicherung und Umwelt, hat Cargill der Uni im Zeitraum von fünf Jahren bereits drei Millionen US-Dollar gespendet. Cargill exportiert Palmöl aus Sumatra (Palmölanbau ist ein Regenwaldkiller), Futtersoja aus Brasilien und hat mit dem Gen-Riesen Monsanto bei der Entwicklung von Gen-Mais zusammengearbeitet.

Wir warten nicht auf Antworten

Kirsten Brandt wartet übrigens bis heute auf eine Antwort ihrer Kollegen aus Stanford. Sie hatte ihnen per E-Mail ein paar Fragen zu ihrer Studie gestellt. Und Charles Benbrook vom Zentrum für nachhaltige Landwirtschaft und natürliche Ressourcen in Washington hat mittlerweile eine Kritik an der Stanford-Studie geschrieben. Doch der Schaden ist schon geschehen: Die Sensationsnachricht „Bio ist auch nicht besser“ ist schon gelaufen. Sie hat sich gut verkauft, und wen interessiert da noch die Wahrheit?

Doch sind wir weder Pessimisten noch Anhänger von Verschwörungstheorien. In mehr als dreieinhalb Jahrzehnten haben wir bei hessnatur gelernt, dass es sich lohnt sich für Offenheit und Transparenz entlang der Wertschöpfungskette einzusetzen. Deshalb werden wir uns als nächstes angucken, wie man biologisch erzeugte Lebensmittel eigentlich erkennt, und welche Siegel es da eigentlich gibt. Danach werden wir uns fragen, was ökologische Tierhaltung können muss, und was Gentechnik in der Landwirtschaft genau ist. Es lohnt sich also, nächste Woche weiterzulesen!