Raghavan und seine Saris

Normalerweise  schreibe ich eigentlich jede Woche einen Text für dieses Blog. Sollten Sie sich fragen, warum ich in den letzten sieben Wochen untätig war, möchte ich Ihnen hiermit mitteilen, dass ich auf Reisen war. In Südindien. Im Land der Kokosnüsse und Tempel, der heiligen Männer und Kühe, wo die Menschen täglich Sambar, Rasam, Vadai und Reis essen. Ich habe das übrigens auch täglich gegessen, mit großem Genuss und meist von Bananenblättern, wie es heute noch üblich ist, in einer Gegend wo sich industrialisierte Nahrung bis heute nicht durchsetzten konnte.

In Chennai, der Hauptstadt des Bundesstaates Tamil Nadu, der viertgrößten Stadt des Subkontinents, sieht man übrigens auch heute noch viele Frauen jeden Alters und jeder Schicht im traditionellen Wickelgewand, dem Sari, gehüllt auf den Straßen. Ein Sari besteht aus einem fünf bis neun Meter langem Stück Stoff, das auf eine unendliche Vielzahl von Arten gewickelt werden kann.

In der Kunstgallerie in Thanjavur

Die Zauberformel „One Size Fits All“, eine Größe passt allen, kommt hier wie vielleicht bei keinem anderen Kleidungsstück der Welt zum Tragen: Der Sari passt sich grundsätzlich dem Körper der Trägerin an und nicht umgekehrt. Die Vielfalt ist so unendlich wie die Zahl der Tempel in diesem Land und die Beschaffung eines Saris kann mitunter ein richtiges Abenteuer sein.

Das, das ich erlebt habe, möchte ich gerne mit Ihnen teilen. Also, ich bin in Thanjavur, der alten Hauptstadt der Chola-Dynastie mit dem majestätischen Brihadishvara-Tempel aus dem 11. Jahrhundert sowie dem königlichen Palast, der auch die Sarswathi-Mahal-Bibliothek beherbergt, die berühmt ist für ihre Sammlung seltener Palmblattmanuskripte. Vom alten Busbahnhof aus nehme ich einen Linienbus hinaus aufs Land.

Der Bus ist rappelvoll, aus Lautsprechern dröhnt in ohrenbetäubender Lautstärke eine Kompilation aktueller Schlager aus Bollywoodfilmen. Hinter dem Fahrer hängt eine Art Relief aus Kunststoff. In der Mitte der elefantenköpfige Hindugott Ganesha. Links von ihm eine stilisierte Darstellung der Ka’aba in Mekka und zu seiner rechten die Mutter Maria mit dem Jesuskind im Arm. Das ganze umrahmt von kleinen Lichtern, die blinken, während an den Busfenstern eine tiefgrüne Landschaft von Reisfeldern, Kokospalmen und mit Seerosen gespickten Tümpeln vorbeifliegt.

Der Airavatesvara-Tempel von Darasuram

Im kleinen Ort Darasuram kämpfe ich mir den Weg zum Ausgang frei und verlasse also diese multireligiöse Disko-Veranstaltung auf Rädern. Es ist circa acht Uhr morgens, ich bin unterwegs zum Airavatesvara-Tempel, einem sensationell erhaltenem Tempel aus der Chola-Periode, der zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört. Es ist einer der schönsten Tempel, die ich je gesehen habe.

Irgendwann sitze ich einfach auf meinen vier Buchstaben mitten im riesigen steinernen Hof und lasse meine Augen im Anblick der anmutigen Figurinen aus Stein ertrinken. Zwei bis drei verknipste Rollen Film später (ja, ich fotografiere noch gerne analog), stehe ich vor dem Tempel und kann es nicht fassen. Jemand hat meine Schuhe gestohlen! Natürlich habe ich sie vor Betreten des Tempels ausgezogen, und natürlich wäre ich im Traum nicht darauf gekommen, dass sie dort nicht mehr sein könnten, wenn ich wieder herauskomme. Es braucht eine Weile, bis ich mich beruhige.

Dazu trägt auch ein Herr mit fein geschnittenen Gesichtszügen bei, der beharrlich neben mir wartet, bis ich eingesehen habe, dass das Fehlen meiner Jesuslatschen von Bata nicht das Ende der Welt bedeutet. Höflich, freundlich und mit einigem Nachdruck lädt er mich ein, mit ihm sein Haus aufzusuchen, dass nur einen Steinwurf weit entfernt ist.

In der Färbe-Werkstatt

In dem tradtionellen indischen Haus mit seinen niedrigen Türen und den glatt gefegten Lehmböden erwartet mich eine faszinierende Welt. In diesem Haus stehen zwei große Handwebstühle, auf denen die Familienmitglieder Saris weben. Raghavan, wie der freundliche Weber heißt, zeigt mir die Rohseide, die er selbst mit Pflanzenfarben wie Amaranth für ein warmes Rot, Ringelblumen für gelb und Betelnuss für ein sattes Pink einfärbt. Wenn ich das Herrn Heimann erzähle! Ihm haben wir es ja zu verdanken, dass wir in der aktuellen Kollektion von hessnatur zwei pflanzengefärbten Strickteile anbieten können, einen Pullover und einen Cardigan.

Leider bin ich zwei Tage zu spät für das Färben gekommen, Raghvan zeigt mir den leeren Färbertopf hinter dem Haus und die bunten Seidenstränge, die darauf warten auf einem Spinnrad wie zu Gandhis Zeiten zu Garn verarbeitet zu werden. Doch er tröstet mich einer Demonstration am Jacqauard-Webstuhl darüber hinweg, zeigt mir die Lochkarte, mit der er die eingewebten Muster aus Goldfaden steuert und öffnet zum Schluss einen metallenen Spind, vor dem ich mit offenem Mund stehe. Was für eine Vielfalt an Farben und Mustern Raghvan, seine Ehefrau und seine Schwägerin geschaffen haben.

Ein melancholischer Herr mit feinen Gesichtszügen

Jeder Sari, den er vor mir auf dem Boden auf der Reisstrohmatte ausbreitet, erzählt eine eigene Geschichte, erzeugt eine eigene Emotion bestehend aus Farbe, Borte und Liebe zum Handwerk. Fünf bis sieben Meter lange Gesamtkunstwerke. Warum habe ich nur nicht genug Geld einstecken?

Doch so ist Indien: Im Haus eines melancholischen Mannes, der sich als künstlerisch fähiger Handwerker in fünfter Generation herausstellt, mitten in einem bettelarmen Dorf, wo die meisten Menschen ururalten Traditionen folgen, finden sich Schätze textiler Handwerkskunst – und ein Kartenautomat, der jede Kreditkarte dieser Welt in Windeseile lesen kann, was noch nicht einmal in Viersternehotels selbstverständlich ist in diesem Land!

Der lange Heimweg ohne Schuhe, der explodierende Koffer, die Kreditkartenrechnung, das alles ist nicht mehr wichtig. Mit umgerechnet 21 Metern Seide in rot, lindgrün und kakaobraun unter dem Arm lasse ich mich im Damensitz auf einem alten Moped ins Nachbardorf fahren. Dort, wo es sage und schreibe vier tausendjährige Tempel gibt. Und einen kleinen Laden, der die unbequemsten Flipflops der Welt verkauft. Doch das ist eine andere Geschichte …

Ein Handwebstuhl in Raghavans Haus in Darasuram