Op-Art-Badeanzug von Sinz, 1966 von F. C. Gundlach in der Nähe von Athen aufgenommen.

Im Museumsquartier in Wien, das in den ehemaligen kaiserlichen Hofstallungen untergebracht ist, findet sich die Kunsthalle, wo ich kürzlich zwei anregende Fotografie-Ausstellungen besucht habe. Die eine, „Vanity“, die noch bis zum 1. April 2012 läuft, zeigt 200 Aufnahmen aus der Modefotografie-Sammlung von F.C. Gundlach (*1926), der selbst Fotograf ist und viele Jahre lang das Gesicht der Modezeitschrift „Brigitte“ prägte. Die Bilder zeigen die Entwicklung der Modefotografie von 1920 bis heute.

Einen Stock tiefer hängt eine viel schrillere, exzentrischere Ausstellung mit dem provokanten Titel „No fashion, please!“. Eine dezidierte Anti-Modenschau mit Werken von Künstlern wie Leigh Bowery (1961-1994), dem Enfant terrible der Londoner Subkultur der 80er Jahre, oder Jeff Bark (*1963), einem US-amerikanischen Fotografen, der von der Modebranche ins künstlerische Fach gewechselt ist und seither jede digitale oder sonstige Nachbearbeitungen seiner Aufnahmen verweigert.

Doch was ist an Modefotografie mehr dran als eine hübsch anzuschauende Dreingabe für potenzielle Käuferinnen? Was sagt ihre Bildsprache mehr aus, als welchen Body-Maß-Index die Modebranche aktuell für die jugendliche Frau propagiert?

Während ich durch die Kunsthalle flaniere, muss ich an den aktuellen Frühjahr/Sommer-Katalog von hessnatur denken. Auf dem Foto auf der ersten Doppelseite sieht man vor allem eins – Natur. Ein heller Kiesstrand, kristallblaues Meer und felsige Hügel, die das landschaftliche Panorama unter einem wolkenfreien Himmel einrahmen. Das blonde Modell trägt ein Kleid, dessen Blautöne mit den Farben des Meeres korrespondieren, ihre Hautfarbe verschmilzt mit den Farben des Strandes und der Felsen. Die Ausstrahlung des Fotos erinnert mich an eine Genreszene, die Darstellung einer Alltagsszene, aus dem 19. Jahrhundert.

Der Bildaufmacher im aktuellen Frühjahr/Sommer-Katalog von hessnatur.

Dieser Bildaufmacher kommt mir in den Sinn, als ich vor dem Foto stehe von F.C. Gundlach aus dem Jahr 1966, das ein Modell in einem Op-Art-Badeanzug mit einem fast spiralenförmigen Muster mit einer futuristischen Sonnenbrille zeigt. Im Hintergrund ist der Ausschnitt einer geschwungenen Dachfläche, der das Muster des Badeanzugs spiegelt, zu sehen. Die Bildkomposition sprengt die Prinzipien der klassischen Perspektive. Der Körper des Modells ist auf eine Fläche aus hell und dunkel reduziert, wie die übrigen Bildelemente auch. 

Mir fällt auf, dass beiden Fotos gemeinsam ist, dass die Modells mit der Bildkomposition harmonisch verschmelzen, nur ist die Aussage, die Bildsprache ist gegensätzlich. Während das Foto im hessnatur-Katalog die Menschen im Einklang mit der Natur darstellt, entwirft das Bild mit der Frau im Badeanzug eine Gegenrealität. Wir sehen im Hintergrund keine Landschaft, sondern Architektur, die den Gesetzen der Schwerkraft zu widersprechen scheint. Der Körper des Modells gerät zur Projektionsfläche einer futuristischen Utopie, ihr Körper selbst wird zum Designobjekt.

Während hessnatur nachhaltige Mode propagiert, mit ökologisch erzeugten Rohstoffen und sozialverträglich hergestellten Produkten, stand Op-Art für die gesellschaftliche Aufbruchsstimmung der 60er Jahre. Neue Lebensmodelle kündigten den Bruch mit alten Geschlechterrollen an. Es herrschte ein noch fast ungebremster Glaube an technischen Fortschritt und wirtschaftliches Wachstum.

Ein surreales Outfit des modischen Enfant terrible Leigh Bowery.

Das Vokabular der Modefotografie spiegelt den Zeitgeist wider, ihre Bildsprache vermittelt eine Vorstellung davon, wie wir Menschen leben wollen. Natürlich ist diese Sprache eine begrenzte, alles kann ein Bild nicht auf einmal sagen, was in einer Zeit, in der wir mit Bildmaterial gnadenlos überfrachtet werden, leicht in den Hintergrund gerät. Darüber machen sich die Künstler in der Ausstellung „No Fashion, Please!“ denn auch gnadenlos lustig.

Leigh Bowery etwa liebte es, in seinen exaltierten Outfits, die der britische Fotograf Ferguson Greer exklusiv im Bild festhielt, seinen pummligen, also erklärtermaßen „unmodischen“ Körper zu betonen und andererseits seinen Kopf samt Gesicht unter einer auffälligen Ganzkopfbedeckung verschwinden zu lassen. Ich empfinde seine Kreationen auch nach 20 Jahren als unglaublich mutige und starke Statements. Sie sind ein ironischer Kommentar zur normierenden Funktion konfektionierter Mode, die rigide Vorstellungen von Körpermaßen, Geschlechterrollen und sexueller Orientierung festlegt. Der „Gesichtsverlust“ demonstriert die Unmöglichkeit des schwulen, „polysexuellen“ Bowery sich festzulegen, sich ein gesellschaftliches Profil, sich ein Gesicht anzueignen.

Solche Probleme verhandeln wir bei hessnatur nicht in erster Linie. Unser Foto zeigt allerdings auch mehr als ein Kleinfamilien-Ferienidyll. Es zeigt eine Frau und Kinder in modischer Kleidung, die so hergestellt wurde, dass das Meerwasser trotzdem schön klar geblieben ist. Wir propagieren „eine heile Welt“ im Sinne einer gesunden Umwelt, einer gesunden Gesellschaft. Das ist unsere Mission. Ob der kleine Junge in der Jeanslatzhose später lieber mal das Kleid von seiner Mutter tragen will, das ist eine völlig andere Geschichte.