Nach einem spannenden Tag gestern in Berlin bei der Vergabe des Humanity in Fashion Award (HIFA) an Sandra Goldmann stehe ich heute – wieder zurück am Schreibtisch in Butzbach – immer noch unter den tollen Eindrücken: Angefangen von der Location der Berliner Bauakademie, deren Innenraum für die Präsentation der HIFA-Finalisten mit Lichter- und Farbenspielen, Pflanzen und Holzmöbeln dekoriert wurde und richtig heimelig wirkte, bis zu den Installationen der drei Finalisten Agne Biskyte, Willem Gremliza und Siegerin Sandra Goldmann, die nicht unterschiedlicher hätten sein können.

Dementsprechend alles andere als leicht ist es der Jury – bestehend aus Susanne Gundlach (Fashion Director Brigitte), Prof. Stephan Schneider (UdK Berlin), Dr. Alfons Kaiser (F.A.Z.), Dr. Stefanie Schütte (dpa) und Designer Miguel Adrover – gefallen, aus den drei Finalisten heraus den Sieger zu küren, betonte Jurymitglied Kaiser bei der Siegerehrung. Ebenso schwierig sei es schon im vergangenen Jahr gewesen, aus der Vielzahl der eingesandten Bewerbungen die Teilnehmer fürs HIFA-Finale auszuwählen. Die drei Finalisten würden einzigartige Konzepte zeigen, „richtige modische Leckerbissen“.

Das Strickkleid von Agne Biskyte, Strickdesignerin aus Litauen, das man mittels verschiedener Tragemöglichkeiten zu ganz unterschiedlichen Anlässen tragen könne, unterstreiche damit einen wichtigen Nachhaltigkeitsaspekt, bewertete die Jury. Modehistorisch sei ihr eine Referenz an die 1920er Jahre gelungen.

Willem Gremliza sieht Mode als Schnittstelle der Natur zum menschlichen Körper. Er besteche durch „glamouröse Entwürfe“. Schöne Kleidung wolle er nicht nur für 30-Jährige, sondern auch für 60-Jährige kreieren – um seiner Überzeugung Ausdruck zu verleihen, „dass man auch sexy sein kann, wenn man schon älter ist.“ „Souverän und authentisch“, so das Urteil der Jury mit Blick auf Gremlizas Umgang mit Mode und Körper.

Sandra Goldmann zaubere mit ökologischen Färbetechniken die „schönsten und wildesten Muster“ auf Kleidung. Die Jury erkenne Referenzen an Designer Alexander McQueen in der „sehr experimentellen Installation“, die von Jurymitglied Dr. Stefanie Schneider-Schütte gar als „substantialistisch“ beschrieben wurde.

Besonders habe der Jury gefallen, dass Sandra Goldmann der Frage nachgehe, wie Mode überhaupt erschaffen werde und dabei kritisch den Produktionsprozess von Textilien reflektiere. Mit ihren gerade mal 25 Jahren spiele die junge Studentin „gekonnt mit Referenzen, ohne von ihnen abhängig zu sein.“ Mit dem Konzept „Hinschauen“ sei ihr der „entscheidende Twist“ geglückt, um zur HIFA-Preisträgerin 2012 gewählt zu werden. Ihre reichhaltige und sehr variable Kollektion würde viele Ansätze für einen erfolgreichen Verkauf bieten, urteilte die Jury. Ihr Preis: eine Fördersumme von 25.000 Euro und eine DOB Capsule Collection für hessnatur, die 2013 erscheinen wird.

hessnatur-Geschäftsführer Wolf Lüdge überreichte Sandra Goldmann den Staffelstab des Humanity in Fashion Award. Den drei Finalisten empfahl er, mit ihren allesamt überzeugenden Ideen in der Modewelt „neue Wege zu gehen – und gehen Sie die, die nicht unbedingt einfach sind. Mein Rat an Sie: Machen Sie das, was man nicht von Ihnen erwartet.“ Denn die Mode brauche wieder echte Vorbilder, „die glaubwürdig sind, die sich engagieren“. Wahre Schönheit liege in der Balance von trendbestimmter Mode und Nachhaltigkeit – was sich nicht nur auf natürliche  Kleidung beziehe, die dem Menschen nicht schade, sondern auch auf Ästhetik, Design und Nutzen. Wolf Lüdge: „Die Mode muss immer dem Menschen dienen, muss seiner Natur folgen, nicht umgekehrt.“

Fotos: Marcus Schneider, Silke Weinsheimer, Michael Krause