Seit zehn Jahren sind Kleidungsstücke aus Hessen-Leinen fester Bestandteil unseres Sortiments. Auf rund 12 Hektar Fläche bauen drei Familien mit großem persönlichen Einsatz und viel Herzblut den letzten Flachs Deutschlands an, aus dem Leinen für unsere Textilproduktion gewonnen wird.
Grund genug, mit den Bauern über ihre Arbeit zu sprechen und die Felder zu besuchen. Der Termin bildete eine willkommene Gelegenheit für die Sprecherinnen und Sprecher des hessnatur Kundenparlaments, mehr über die Hintergründe des Anbauprojektes zu erfahren.

Deshalb verlegten wir den Meinungsaustausch des Kundenrates mit der Geschäftsleitung kurzerhand ins nordöstliche Hessen, in Verbindung mit einem Besuch der Flachsfelder. Als Gastgeber konnten wir die Familie Plitt gewinnen. Vater und Sohn bilden nicht nur eine Säule des Flachsanbaus für uns, sondern betreiben in Lohra-Damm auch den Bioland-Hof Caspersch mit einem breiten Angebot regionaler Produkte und landwirtschaftlicher Erzeugnisse. Im Gespräch schilderten die Bauern die enorme Kraftanstrengung, die mit dem Anbau der alten europäischen Kulturpflanze Flachs verbunden ist.

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In der Regel kann das Leinen Ende Juli bis Anfang August aus dem Boden gerauft und dann vor der Weiterverarbeitung getrocknet werden. Zwar ist Flachs eher genügsam und die einzige heimische Faser, die in kontrolliert biologischer Qualität wächst. Der Anbau und die Verarbeitung sind aber mühsam und arbeitsintensiv. In den letzten Jahren setzen die trockenen Frühjahrsmonate unseren Bauern mehr und mehr zu. Viele Regionen in Deutschland erleben den trockensten Mai seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Zwar kann der Flachs mit seinen Wurzeln mehr als zwei Meter in den Boden vordringen, um trockene Perioden zu überwinden. Wenn Niederschläge aber über Wochen ausfallen, kann dies die Ernte gefährden. Dennoch ist es für alle Beteiligten eine befriedigende Erfahrung, die Pflanzenfasern nach mehr als einem Jahr Trocknung und Bearbeitung pur oder in Mischgeweben auf der eigenen Haut zu spüren.

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Im Rückblick war bisher kein Jahr wie das andere. Improvisation und Überzeugungsarbeit waren auf allen Seiten gefordert, um aus dem Flachs die langfaserigen Leinenfasern für Textilien zu lösen. Gerade weil der Flachs eine Pflanze mit Charakter ist und sich der Ertrag oder der Erntezeitpunkt nur schwer vorausberechnen lassen, fällt es schwer, Spinnereien für die Weiterverarbeitung zu gewinnen. Und auch für die Landwirte ist das Projekt Hessen-Leinen alles andere als Routine. Der Flachs bildet nur eine Facette der vielfältigen Anbaukultur und die Direktvermarktung über den Hofladen bildet eine weitere Absicherung. In der Diskussion mit den Kundenräten erläuterten die Bauern, wie stark die Spezialisierung in der Landwirtschaft vorgedrungen ist und wie sehr die Vielfalt der heimischen Kulturlandschaft bedroht ist. In der Diskussion beschäftigte alle Teilnehmer die Frage, ob für landwirtschaftliche Erzeugnisse die gleichen Vorgaben gelten dürfen, wie für die Massenproduktion von Industriegütern.

DSCF9436_kDer hessnatur Kundenrat mit der Geschäftsleitung,
Rolf Heimann, hessnatur Stiftung, sowie den Familien Plitt und Haberlach