„Kann das sein, dass ein Paar Schuhe 20 Euro kostet?“. Das ist die Frage, mit der die Dokumentation „Gift auf unserer Haut eröffnet“ aus der ZDF-Reihe 37 Grad eröffnet, die in dieser Woche ausgestrahlt wurde. Ich gebe zwei Dinge zu: Erstens, ich habe geweint, und zweitens, ich konnte den Film nicht ganz anschauen, es war zu viel für mich.

Aber ich rate jedem selbst auszuprobieren, wie viel er oder sie von dem, was in dem Film zu sehen ist, aushalten kann – um das nächste Mal daran zu denken, wenn er vor einem paar bunter Lederhandschuhe im Kaufhaus für 9,95 Euro steht. Oder vor einem Paar billiger Schuhe oder gar einer  Mütze mit Pelzbommel (was für mich sowieso das Ende der Fahnenstange und ein absolutes no-go wäre).

Die Filmemacher waren in Hazaribagh, dem Gerberei-Stadtviertel von Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesch. Hier wird Leder im Wert von 660 Millionen US-Dollar jährlich produziert zum niedrigsten oder höchsten Preis; je nachdem, wie man die Sache betrachtet. Der Verkaufspreis für das Leder ist spottbillig, weil bei der Herstellung keine Umweltauflagen zu beachten sind, die giftigen Abwässer werden einfach in den Fluss geleitet. Die Arbeiter verdienen umgerechnet 9 Cent in der Stunde.

Doch die Menschen stehen barfuß in der Chrom-(III)-haltigen Brühe, sie werden von den Chemikalien krank, wenn sie sich nicht vorher an den vorsintflutlichen Band-betriebenen Maschinen verletzen. Hier arbeiten auch Kinder. Im Film heißt es, Hazaribagh sei einer der verseuchtesten Flecken Erde auf unserem Planeten. Wenn man das sieht, dann wird einem wirklich anders.

Ein deutscher Chemiker kann es nicht fassen, als er einen Arbeiter barfuß in der Chrom-Brühe stehen sieht. Das Chrom-(III) kann sich im Leder durch Sauerstoffanlagerung zu noch giftigerem Chrom-VI entwickeln, das erbgutschädigend, hochgradig allergen und krebserregend ist. Das ist für die Gerber in Bangladesch schlimm und für alle anderen Menschen entlang der Herstellungskette, bis zum Träger der fertigen Schuhe, Taschen, Gürtel und so weiter.

Doch der Schocker kommt noch, wenn gezeigt wird, wie heilige Kühe aus dem Süden Indiens in die Schlachthäuser von Mumbai geschmuggelt werden. Das ist die schlimmste Tierquälerei, die ich in meinem Leben je gesehen habe. Danach habe ich ausgemacht, das ging nicht mehr. Solches Leder möchte ich nicht haben!

Aber jetzt mal Schluss mit Emotionen. Es gibt eine gute Nachricht: Leder kann auch hergestellt werden, ohne dass Menschen, Tiere und die Umwelt darunter leiden. Unser Leder kommt nicht aus Fernost und wird auch auf keinen Fall mit Chrom-(III)-Salzen gegerbt. Die Gerbereien, mit denen wir zusammenarbeiten, beziehen alle ihre Rohhäute aus Europa und haben ein funktionierendes Umweltmanagementsystem – dies fordern wir explizit in unserer Qualitätsrichtlinie Leder ein. Wir wissen, woher unser Leder kommt und wie es hergestellt wird, da wir alle unsere, ausschließlich sich in Europa befindenden Gerberein, selbst besucht haben.

Also keine Chrom-VI-verseuchten Baby-Puschen, sondern umwelt- und tiergerecht hergestellte Lederwaren, fair produziert und gut zu unserer Haut.

P.S. Die Organisation Human Rights Watch geht den Gerbereien in Hazaribagh auch in diesem Video nach.