Die Kollegen aus dem Bereich Corporate Responsibility kommen ziemlich herum. Das liegt daran, dass hessnatur viel Wert auf nachhaltige Lieferantenbeziehungen  legt, und die Herstellerbetriebe regelmäßig besucht. Als ich mich mit der Kollegin Kristin Heckmann unterhalten hatte über das Brandschutzabkommen mit Bangladesch[KH1] , erfuhr ich, dass hessnatur aktuell gar nicht dort fertigen lässt.

Aber weil die Textilindustrie des Landes momentan in aller Munde ist und weil Kristin zusammen mit Rolf Heimann, dem Leiter des Bereichs Corporate Responsibility, ohnehin nach Fernost unterwegs war, genauer genommen nach Thailand, wollte sie sich aus erster Hand ein Bild von den aktuellen Verhältnissen verschaffen. hessnatur will kein Land mit einem Bann belegen, sondern in Zusammenarbeit mit konkreten Lieferanten vor Ort die realen Arbeitsbedingungen verbessern, auch in Bangladesch. Und danach ging es sofort weiter nach Bangkok und anschließend einmal rund um den Globus nach Peru. Die Kollegin Anna Johannsen, die auch dabei war, hat schon berichtet.

Unerwartete Erfahrung

Aber zunächst hat mich interessiert, wie Kristin Heckmann die Fabrik in Bangladesch erlebt hat. Was sie zu berichten wusste, versetzte mich in Erstaunen: „Das ist eine Erfahrung gewesen, die uns gezeigt hat, dass man immer differenzieren muss: Nicht alles in diesem Land ist schlecht. Vor allem dieser Betrieb nicht. Der war in jeder Hinsicht vorbildlich“. An den Brandschutzvorkehrungen könnte sich so mancher Hersteller ein Beispiel nehmen.

Doch, doch, natürlich sei der Verkehr das reinste Chaos gewesen, die vielen Leute und die unbeschreibliche Armut überwältigend. Ja, und die Begegnung mit der Aktivistin aus der Textilindustrie, Nazma Akhter, habe sie berührt. Aber diese Fabrik, die habe bleibenden Eindruck hinterlassen, weil sie zeige, was auch in einem Land wie Bangladesch möglich ist. Der beste und höchste Standard nämlich.

Offene Gespräche

In Thailand wartete sofort die nächste Aufgabe auf  Kristin. Vom Hotel ging es direkt in eine von zwei Flachstrickereien, die direkt in Bangkok liegen. Die Betriebe sind von der Fair Wear Foundation auditiert worden. Kristin hatte eine Corrective Action Plan im Gepäck, Vorschläge, die Arbeits- und Produktionsbedingungen weiter zu verbessern. Neben Gesprächen zum Thema Löhne und Arbeitervertreter  ging es auch darum Fluchtwege in Augenschein zu nehmen und die Lage der Feuerlöscher zu prüfen.

Die beiden Betriebe sind langjährige Produzenten für hessnatur. Vor Ort betreut eine Agentur die beiden Lieferanten und schaut auch  die Einhaltung der sozialen und ökologischen Standards, die gemeinsam definiert worden sind. Mitarbeiter in Produktionsbetrieben haben jederzeit die Möglichkeit sich dort für ihre Belange einzusetzen. „Mir ist aufgefallen, wie gut das Klima in den  Betrieben war. Wenn ich mit den Chefs durch die Hallen gelaufen bin, sind die Gespräche nicht etwa verstummt. Die Mitarbeiter haben mit ihren Vorgesetzten gesprochen. Der Ton war kollegial und freundlich.“ Das sei ein gutes Zeichen, bedeute, dass die Familienbetriebe, die bereits in zweiter und dritter Generation geführt werden, stabile und gewachsene Strukturen bieten mit guter Mitarbeiterzufriedenheit.

Day of Social Standards Lima_Gruppenfoto

Stolze, engagierte Menschen

Und weiter ging es nach Peru, in die Städte Lima und Arequipa. Hier hatte hessnatur, wie Anna Johannsen schon berichtete, jeweils einen „Day of Social Standards“ ausgerichtet. Was Kristin diesmal aufgefallen war, war die völlig andere Mentalität der Menschen. „Die haben in beiden Städten lebhaft diskutiert, Kritik geäußert und Verbesserungsvorschläge gemacht.“ Auch in den Betrieben, die sie im Anschluss besucht haben, hätten die Arbeiter sofort alles zeigen wollen, waren voller Energie „Die Menschen sind sehr stolz, auch in den kleineren Betrieben begegnen einem die Arbeiter auf Augenhöhe. Ihnen sind  ihre Arbeit und deren Ergebnisse sehr wichtig.“

Ich lehnte mich in der Cafeteria in meinen Stuhl zurück und ließ mir die Fülle an Informationen durch den Kopf gehen, die Kristin mir soeben gegeben hatte. Ich fragte sie: „Sag mal, kann das sein, dass diese Prozesse, das Brandschutzabkommen für Bangladesch und die Umsetzung der Sozialstandards, so wie hessnatur das heute macht, dass das ein unausweichlicher Lernprozess der Globalisierung ist?“ Kristin antwortete, ja, in diesem Bereich gehe es viel um zwischenmenschlichen Kontakt. Es sei wichtig, kulturelle Unterschiede nicht nur zu berücksichtigen, sondern ihnen auch Raum zu geben, damit sich bei jedem Einzelnen ein Bewusstsein für die Problematik entwickeln könne.

Der Mensch bleibt der Maßstab. Ein fairer Ausgleich und ein Dialog auf Augenhöhe muss gerade in der globalisierten Arbeitswelt das Ziel ökologisch und ökonomisch nachhaltigen Wirtschaftens sein.