FTD Baumwolle

Als ich am Freitag auf dem Weg zur Organic Fashion Show „the key.to“ am Prenzlauer Berg noch einen Mocca nahm, war die Welt noch in Ordnung. Dann hörte ich in den Radionachrichten die Headline „Bio-Skandal bei Textilien“. Dann war Schluss mit lustig.

Den Rest des Tages verbrachte ich mit Interviews und Gesprächen mit der Presse. Jetzt sitze ich hier, sortiere mich und frage mich offen gestanden immer noch: Was war eigentlich der Skandal? Ausgelöst durch den Bericht in der Financial Times Deutschland vom Freitag haben sich die Medien komplett auf das Thema gestürzt.

Unregelmäßigkeit bei indischer Bio-Baumwolle. Was ist jetzt konkret der Vorwurf? Es geht um GMO (gen-manipulierte Organismen) in Bio-Baumwolle. Wurde betrogen? Handelt es sich um Verunreinigungen? Ehrlich gesagt habe ich bis heute noch keine klaren, nachweisbaren Belege.

Die Problematik ist mir schon länger bekannt. Der Anteil an GMO-Aussaaten bei Baumwolle ist in den vergangenen Jahren sprunghaft gestiegen. Monsanto, der Anbieter für das Saatgut, freut sich. Tausende Bauern ( z. B in Indien) ruiniert es.

GMO-Saaten im Bio-Anbau sind natürlich untersagt. Da man natürlich auch überprüfen muss, was man untersagt, haben wir schon vor Jahren nach einer geeigneten Analytik gesucht: Wie kann ich GMO nachweisen? Mit dem Bremer Impetus-Institut haben wir Reihenversuche unternehmen lassen: Bei Fasern, Garnen und fertig ausgerüsteten Textilien wurden durch Impetus Analysen vorgenommen und durch Abgleich von Referenzmustern Aussagen zu GMO gemacht. Das hat bei Fasern gut und bei fertigen Textilien öfter geklappt. Ich kann also mit dieser Testmethode sagen, ob in meinem Textil GMO-DNA´s vorhanden sind.

Aber nicht wie viele! Und das ist noch ein Problem. Wenn ich zum Beispiel auf Schadstoffe teste, will ich wissen welche, aber auch wie viele davon im Textil sind. So auch mit GMO. Ich brauche also neben der qualitativen eine quantitative Aussage.

Und darüber wird eine Diskussion zu führen sein: Wie viel Verunreinigung „verträgt“ ein Naturtextil, um noch „bio“ zu sein? Wieviel Crosskontaminierung durch unsauberes Saatgut, Faserflug in der Ginnerei (in der auch konventionelle Baumwolle entkernt wird), in der Spinnerei, der Strickerei, der Färberei, der Konfektion? Nicht vergessen: Wir reden von DNA´s, da reicht ein Staubkorn, kennen wir aus dem Tatort.

Kontrolle ist wichtig, entlang der beschriebenen textilen Kette, aber auch Vertrauen, langfristige Lieferantenbeziehungen, Transparenz, Nachvollziehbarkeit, Warenflusskontrollen etc. „Wo Bio drauf steht, muss eben auch Bio drin sind“, das habe ich auch am Freitag schon zu dem Thema gesagt. Daran arbeiten wir täglich, bei hessnatur und auch mit meinen Kollegen vom IVN-Vorstand.

Wir brauchen den Dialog, aber nicht solch einen schlecht recherchierten Medienhype. Und ich brauch jetzt’n Mocca.

Rolf Heimann leitet den Bereich „Innovation & Ökologie“ bei hessnatur.