10178331_10152331471515874_923782686_nInterviewpartner:
Anika Rabbani, 33, lebt mit ihrer zweijährigen Tochter und ihrem Lebensgefährten in Dhaka/Bangladesch. Heute arbeitet sie als Yoga-Lehrerin.

 

 

 

 

 

 

Anika, Du bist als freiwillige Helferin am 26. April Augenzeugin bei den Bergungsarbeiten nach dem Einsturz des Rana-Plazas gewesen. Welcher Beschäftigung gingst Du damals nach?

Ich habe Öffentlichkeitsarbeit für das UN- Welternährungsprogramm gemacht. Die UNO hatte sofort ihre Unterstützung angeboten, aber die Regierung hat sie aus Imagegründen abgelehnt. Mit Hilfe der Spezialisten hätten so viele Leben mehr gerettet werden können.

Was hast du erlebt, als Du am Ort des Unglücks angekommen bist?

Es war unheimlich, die Luft war schwanger von einem starken Verwesungsgeruch. Überall waren riesige Flutlichter aufgestellt worden, und es wimmelte nur so vor Menschen, die alle verzweifelt aussahen. Die Umgebung war abgesperrt, hin und wieder gab es Aufruhr von Textilarbeitern außerhalb der Absperrungen. Die Polizei und das Militär drängten sie zurück. Wir zogen die ausgegebenen Helfer-T-Shirts über und gingen in die Ruine hinein.

Ich nehme an, wenn man mitten in so einer Ausnahmesituation steckt, dann funktioniert man einfach, um den Notleidenden zu helfen. Aber wie hast Du dich hinterher gefühlt?

Ich war Monate lang depressiv. Ich erinnere mich an eine Leiche, die von einer Maueröffnung baumelte, aus der wir Retter versuchten, Überlebende zu bergen. Dann war da eine Mutter, die weinte, ja fast schon halluzinierte, und ihre Tochter und ihre Enkelin suchte, die beide in der Fabrik gearbeitet hatten. Sie umklammerte meine Hand, und ich konnte keine Worte finden, um sie zu trösten. Und dann bin ich im Dunkel auf etwas getreten. Es hätte ein Teppich, aber auch genauso gut der Arm oder das Bein eines Opfers sein können.

Du bist so eine moderne, positive junge Frau. Man kann sich kaum vorstellen, dass Du je Zeugin einer solchen Tragödie geworden bist. Wie hat diese Erfahrung Dein Leben verändert?

Ich schätze mein Leben seitdem mehr. Mir ist bewusst geworden, wie klein der Einzelne innerhalb des Kosmos ist, aber auch, wie sehr sein Leben zählt. Als Gesellschaft haben wir versagt gegenüber denjenigen, die im Rana-Plaza sterben mussten. Ich würde mir wünschen, dass wir dem Leben der Armen mehr Wert beimessen. Es gibt eine zynische, aber leider wahre Bemerkung, die zum Zeitpunkt des Unglücks die Runde machte: „Billige Klamotten, billigere Leben“. Mir ist aber auch klar geworden, wie viel Kraft wir in Ausnahmesituationen entwickeln, mit deren Hilfe wir weitermachen können.

Ein Jahr nach dem Einsturz berichten westliche Medien, die Überlebenden hätten immer noch keinen Schadensersatz aus dem von der ILO eingerichteten Fonds erhalten. Viele große Firmen haben nicht einmal einbezahlt. Wie beurteilst du die Situation von Bangladesch aus?

Ich habe Zweifel daran, dass der Fonds jemals die Opfer ausbezahlt. Es sind so viele. Wer nimmt sich schon die Zeit, ist so selbstlos oder verantwortungsbewusst, denen zu helfen, deren Stimme nicht bis in die abgeschirmten Wohnzimmer der westlichen Geschäftsleute reicht? Selbst wenn sie gehört würden, würde das einen Unterschied machen? Bis jetzt nicht.

Was an der Tragödie und ihren Folgen ist in Deinen Augen typisch für Dein Land und seine Leute? Gibt es positive Seiten, die Du der Welt gerne zeigen würdest?

Mich hat berührt, wie viele Menschen sich spontan eingesetzt haben. Selbst die einfachen Leute hier sind so warmherzig und sanft. Ein paar Stunden nach dem Unglück stieg der Preis für Sauerstoffflaschen schlagartig. Die Menschen spendeten Geld dafür und  für medizinische Versorgung, spendeten Blut. Ich habe nicht das geringste Vertrauen in unsere Regierung, aber umso mehr in die Güte der Menschen hier.

Wie denken die Menschen in Bangladesch über das Unglück? Glaubst Du, es wird unfair über Dein Land geurteilt?

Textilfabriken sind der Lebenssaft unseres Landes. Jedoch sollten kurzfristige Geschäfte, wie sie ja Aufträge für die Produktion billiger Kleidung immer sind, einhergehen mit strengen gesetzlichen Reglementierungen, die die Menschen, die sie herstellen, schützen. Die Textilfabriken geben jungen Frauen die Chance ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Heutzutage ist das Straßenbild hier von jungen Frauen in leuchtender Kleidung geprägt, die morgens zur Arbeit gehen. In einer ansonsten überwiegend muslimischen, patriarchal dominierten Gesellschaft spricht dieses Bild meiner Ansicht nach Bände.

Was macht die Arbeitskraft in Bangladesch so billig? Warum können die Firmen nicht höhere Preise verlangen, den Arbeitern bessere Löhne bezahlen und die Fabriken sicherer ausstatten?

Wir sind einfach zu viele. Wir sind ein armes Land, wirtschaftlich und auch an Bildung. Was wir jedoch auf keinen Fall brauchen, sind Almosen, Tischabfälle reicher Länder. Wir verdienen, auf Augenhöhe behandelt zu werden und unsere Arbeiter sollten selbstverständlich ordentliche Löhne verdienen. Dann hätte die Ausbeutung der Armen ein Ende.