Prof. Götz W. Werner, Jahrgang 1944, ist seit einigen Monaten Vorsitzender des Beirats von hessnatur. Im Jahr 1973 gründete er die Drogeriemarkt-Kette „dm“. Als er Anfang der 1990er Jahre die interne Struktur seines Konzerns umbaute, machte er viel von sich reden. Die Filialen erhielten mehr Selbstverantwortung und Eigenkontrolle. Außerdem führte er ein Führungskonzept ein, das auf flache Hierarchien setzt und sich auf Werte wie Respekt und Verständnis stützt.

Von 2003 bis 2008 leitete Götz W. Werner das Interfakultative Institut für Entrepreneurship am Karlsruher Institut für Technologie. Er ist ein Verfechter des bedingungslosen Grundeinkommens. Im Jahr 2003 wurde er für sein Lebenswerk mit dem Fairness-Ehrenpreis der Fairness-Stifung ausgezeichnet. Nun ist er im „Best Brands Ranking 2013“ in der neu geschaffenen Kategorie „Beste Unternehmermarke“ zum Sieger gekürt worden, vor Günther Fielmann, Claus Hipp, Dietmar Hopp und Friede Springer. Im Interview spricht Prof. Werner über seine Arbeit im Beirat von hessnatur und die zukünftigen Herausforderungen. Viel Spaß beim Lesen!

Was hat Sie im Oktober 2012 bewogen, den Vorsitz im Beirat von hessnatur zu übernehmen?

Prof. Götz W. Werner: Es gibt viele Gründe, die dafür sprachen. Die Entwicklung von hessnatur verfolge ich seit langem und mich hat vieles mit Heinz Hess verbunden – sei es die Beschäftigung mit dem Werk Rudolf Steiners oder der daraus folgende Anspruch, sinnvoll für Mensch und Erde zu handeln. Wenn wir die Entwicklungsräume zukünftiger Generationen nicht einschränken wollen, muss vor der Know-how-Frage stets die Know-why-Frage, die Sinnfrage gestellt werden. Das schätze ich an der Arbeitsgemeinschaft von hessnatur, sie fragt nach dem Sinn – also „Warum und wozu tun wir das?“. Die Know-how-Frage ist in der Produktion wesentlich, um effizient zu leisten. Diese Arbeit nehmen uns zunehmend Maschinen ab. Die Arbeit der Zukunft ist die „Arbeit am Menschen“, die Kulturarbeit.

Was verstehen Sie unter „Arbeit am Menschen“?

Es braucht einerseits die Arbeit an der Natur, an der Materie. Diese kann man messen, strukturieren und automatisieren. Andererseits gibt es die Arbeit am oder für den Menschen. Beispielsweise geht es bei der Produktion einer Tube Zahnpasta zunächst um den schonenden Einsatz von Ressourcen, um aus einem Naturgut ein Konsumgut herzustellen. Sobald aber ein Kunde in einen dm-Markt Beratung wünscht, ist Arbeit am Menschen nötig. Hier geht es um mitmenschliche Zuwendung, die nicht angewiesen oder bemessen werden kann. Die Arbeit für und am Menschen kann man nur ermöglichen, indem man geeignete Rahmenbedingungen dafür schafft. In vielen Bereichen – sei es in der Architektur oder in der Automatisation – sind wir heutzutage zu Höchstleistungen fähig. Im Bereich der sozialen Kunst stehen wir noch am Anfang. 99 Prozent der heutigen Probleme sind soziale Probleme.

Was ist Ihre Haltung gegenüber Wachstum?

Ich spreche lieber von Verwandlung, von Metamorphose. Der Begriff Wachstum ist heute zu stark besetzt von der Vorstellung einer kontinuierlichen Expansion. Aber jede Entwicklung braucht Regeneration und Mutation. Externe Beobachter kommen wahrscheinlich zu dem Schluss, dm wächst. Aber faktisch verwandelt sich dm ständig – mit Blick auf die Bedürfnisse seiner Kunden. Die Folge einer gelungenen Veränderung ist mehr Nachfrage und damit Wachstum. Wachstum darf nie das Ziel sein, alles was wir tun, muss den Menschen, für den wir handeln, zum Ziel haben.

Wo sehen Sie die künftigen Herausforderungen für hessnatur?

Bestleistungen in ökologischer, sozialer und ökonomischer Hinsicht zu erbringen. Das tägliche Bemühen darum, die hohen sozialen, ökologischen und ethischen Standards zu wahren, muss heute mehr denn je gelingen. Solange hessnatur weiterhin vorurteilsfrei die Bedürfnisse seiner Kunden wahr nimmt, bei allen Unternehmungen die Warum- und Wozu-Frage stellt und das Wünschenswerte mit dem Machbaren in Einklang bringt, bin ich sehr zuversichtlich.