2009: das Jahr der Naturfaser

Es ist schon verrückt: hessnatur gibt es jetzt seit 33 Jahren. 1976 hat sich Heinz Hess auf die Suche nach natürlicher Babybekleidung gemacht und musste selbst aktiv werden. Heute ist die Kollektion so groß, deckt modische, wie hautsympathische und umweltverträgliche Aspekte in einer Vielfalt ab, dass es eine wahre Wonne ist. Und dennoch ist weltweit die Verwendung von Giftstoffen bei der Herstellung von „natürlicher“ Kleidung immer noch an der Tagesordnung!

Um so wichtiger, das die UNO das Jahr der Naturfaser 2009 ausruft! Fünfzehn Naturfasern stellt sie vor  und hält sie für schützenswert. Laut der offiziellen Seite sollen die Fasern von tierischer und pflanzlicher Herkunft mehr in den Fokus kommen und gegenüber den Kunstfasern den Vorzug in der Verarbeitung bekommen. Ziel ist es, das Einkommen der Bauern und Farmer zu sichern. Von kontrolliert biologischem Anbau oder der entsprechenden Tierhaltung oder auch nur allein vom Wortanhängsel „Bio“ oder „fair trade“- lese ich auf der offiziellen Seite nichts.

Da frage ich mich doch, wohin die Reise gehen soll. Gerade, was den konventionellen Baumwollanbau angeht, wird Mensch und Natur extrem belastet. Stichwort Aralsee. Das Verschwinden eines ganzen Biotops hat Menschen krank werden und Tiere aussterben lassen. Der enorme Einsatz von Pestiziden und Herbiziden speziell im Baumwollanbau ist erschreckend:

Laut Nabu werden etwa 25 Prozent der weltweit verwendeten Insektizide und 11 Prozent der Pestizide für den Baumwollanbau benötigt. In Afrika gehen 80 Prozent aller eingesetzten Pestizide in die Baumwollproduktion! Nach Schätzungen der WHO sterben weltweit pro Jahr 20.000 Menschen an Pestizidvergiftung beim Baumwollanbau.
– Die Pestizide werden in Afrika oft ohne geeignete Schutzkleidung ausgebracht. Feldarbeit ist Frauensache, daher kommt es häufig zu Fehlgeburten oder Missbildungen.
– Kinder vergiften sich, weil sie aus den Pestizidbehältern Wasser trinken. Die Analphabetenrate in Burkina Faso beträgt unter Erwachsen fast 90 Prozent, so dass alle Warnaufdrucke dort nicht gelesen werden können.
– Tausende Baumwollfarmer haben sich in Indien das Leben genommen, um aus ihrer Schuldenfalle zu entkommen. Teure Kredite für gentechnisch verändertes Saatgut, Herbizide und Dünger haben sie an den Rand der Existenz gebracht. Der Baumwollpreis für gentechnisch veränderte Baumwolle ist in Indien wesentlich niedriger als für Biobaumwolle. (Quelle: Nabu, Feb. 2009)

Genau damit droht auch der nächste Super-Gau mit genmanipulierter Baumwolle. Die Bauern geraten in große Abhängigkeiten, können aus dem System nicht mehr aussteigen, wenn sie erst einmal damit begonnen haben. Und für uns Verbraucher heißt es leider: keine Kennzeichnungspflicht. So sind wir nur über die Bio-Zertifizierungen sicher. Und – so abgedroschen es klingt – „bio“ ist auf jeden Fall nicht genmanipuliert. Die Nabu fordert eine Kennzeichnungspflicht.

Erfreulich dagegen die Nachricht, dass die Bio-Baumwoll-Produktion steigt. Der Markt hat erkannt, dass der Kunde nachfragt und bewusster wird im Konsum. Ein Erfolg, den sich sicher die Lohas auf ihre Fahne schreiben können! Laut der Textilwirtschaft 45/2008  stieg die Ernte von Bio-Baumwolle 2007/2008 um 152% auf rund 0,15 Millionen Tonnen! Das entspricht einem Anteil von 0,55% der gesamten Baumwollproduktion (26 Mio Tonnen). Vor drei Jahren lag der Anteil noch bei 0,1%. Zwar noch nicht viel, aber eine positive Entwicklung. Denkt man/frau.

Ja, soviel zum Jahr der Naturfaser 2009. Die Frankfurter Messe organisiert einen Naturfaser-Kongress zur Techtextil 2009. Es geht vorrangig um die Aufmerksamkeit der Naturfasern im Vergleich zu den technischen Fasern und – natürlich – um die Erhöhung der Produktivität. Auf keiner offiziellen Seite finde ich Aufrufe zu Fair Trade oder Bio-Anbau! Ich fordere einen Fokus auf Erhalt von Umwelt und Natur. Nicht nur die Steigerung der Flachs- oder Baumwollproduktion sollten es wert sein, ein Jahr danach zu benennen, sondern vor allem eine menschenwürdige Produktion, die Wertschätzung der Anbauflächen und der Erhalt dieser. Das bedetuet: Fruchtfolge einhalten, Pestizid- und Herbizideinsatz begrenzen – oder besser: langfristig abbauen – und gerechte Arbeitsbedingungen in allen Ländern zur Grundlage machen. Aufmerksam machen auf die Probleme, die jetzt schon bestehen. Davon hätte ich gern was zu lesen gehabt auf der offiziellen Seite! Es gibt doch genug gute Ansätze, wie es gehen könnte!

Es heißt also für uns alle: Konsequent bleiben,  bewusst einkaufen und wachsam sein. Auch im Jahr der Naturfaser 2009!

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Kommentare
  • Nicole ,

    Sie erwähnen die Forderung des Nabu nach einer Kennzeichnungspflicht für genmanipulierte Baumwolle. Wird diese Forderung von Hess Natur unterstützt? Wenn ja, wie stellen Sie sich die Umsetzung vor?

    Antworten
  • Dagmar(hessnatur) ,

    Hallo Nicole,
    nach dem Motto „viele Stimmen machen einen Chor“ sind wir immer besonders glücklich, wenn andere Organisationen mithelfen auf dem Weg, die Welt Stück für Stück ein bißchen besser zu machen. Es war meine Idee, der nabu über die Erwähnung und Verlinkung mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen udn gleichzeitig umfangreiche Informationen und aktuellen Hintergrund zu liefern. Unsere eigenen Anstrengungen in Sachen GMO (genmanipulated organism) sind natürlich hoch. Durch unsere besonders strengen Anforderungen und Richtlinien, vor allem das Zertifikat „kontrolliert biologischer Anbau“ bei Pflanzenfasern, sowie „kontrolliert biologische Tierhaltung“ bei tierischen Fasern, verbieten den Einsatz von genmanipulierter Saat und entsprechenden Tieren (schrecklich allein die Vorstellung!). Deshalb ist unter dem hessnatur-Logo nichts derartiges zu befürchten!

    Generell möchte ich aber betonenm dass auf diesem Gebiet gar nicht genug Aufklärung betrieben werden kann. Da sind wir uns sicher einig, oder?!

    Antworten
  • Nicole ,

    Hallo Dagmar,

    auch wenn die geforderte Kennzeichnungspflicht für gentechnisch veränderte Baumwolle (deren Umsetzung ich mir nicht erklären kann) hier keine Rolle spielen soll, frage ich mich, ob es der Sache dient, wenn man auf den nabu verweist und/oder für deren Expertise wirbt. Was soll man denn von einer NGO im Umweltbereich halten, die zwar ein Papier gegen die Verwendung von gentechnisch verändertem Saatgut im Baumwollanbau geschrieben hat, aber zeitgleich bei ‚Cotton made in Africa’ im Board sitzt und somit dort den Anbau konventioneller Baumwolle fördert? ‚Cotton made in Africa’ hat sich jetzt entschieden, bis 2011 kein gentechnisch verändertes Baumwollsaatgut einzusetzen, danach wird neu entschieden. Somit zieht man die Verwendung von gentechnisch verändertem Baumwollsaatgut für ‚Cotton made in Africa’ grundsätzlich in Betracht und hat keine klare Position gegen gentechnisch verändertes Baumwollsaatgut. Ich denke schon, daß man auch die Arbeit von NGOs hinterfragen muß, nicht nur die von Unternehmen.

    Grundsätzlich bin ich davon überzeugt, dass der Biobaumwollanbau den Bauern hilft, deshalb kaufe ich bei Hess ein. „Werbung“ für den nabu passt für mich nicht zu Hess, genauso wenig wie Werbung für Plan International, deren Werbebrief ich in den letzten Paketen vorgefunden habe. Beide Organisationen haben einen hohen Bekanntheitsgrad und viel finanzielle Unterstützung, über deren Arbeit kann man sich streiten. Für mich wäre es authentischer, wenn Hess für die NGOs oder Projekte wirbt, die ich auch im Katalog kennenlerne. Also Nepra und die Lebensgemeinschaft Sassen für die Herstellung von Produkten, die im Katalog angeboten werden und Helvetas sowie PAN als Experten für den Anbau von Biobaumwolle. Beide haben sicher genug mitzuteilen zum Thema „gentechnisch verändertes Baumwollsaatgut“.

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  • Dagmar(hessnatur) ,

    Hallo Nicole,

    danke für die Infos und die Kritik. Nehme ich gerne an. Wie gesagt, ich hatte von „vielen Stimmen“ gesprochen und eben eine herausgegriffen. Es steht völlig außer Frage, dass es bessere Projekte in Sachen Bio-Baumwolle gibt. Auch, dass es wichtig ist, immer wieder zu hinterfragen und aufmerksam zu bleiben. Ein sehr gut recherchierter Artikel zum Thema Gen-Baumwolle ist übrigens auf der Seite von helvetas zu finden: http://www.woz.ch/artikel/inhalt/2009/nr11/Wissen/17626.html. Auf den weise ich – zur weiteren Informations- und Meinungsbildung – hier gerne auch noch hin.

    Es freut mich, dass Ihnen unsere eigene Projektarbeit so präsent ist! Die Anstrengungen auf diesem Gebiet können gar nicht hoch genug sein.

    Antworten

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